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Schwäbische Zeitung: Leitartikel - Die Fragen der Jungen

Ravensburg (ots) - Am Freitag war wieder ein Routinetag für die italienische Küstenwache: Weit über 700 Flüchtlinge aus Nordafrika, aus Syrien und Somalia wurden von seeuntauglichen Booten im Mittelmeer und damit vor dem Ertrinken gerettet. Die Bilder verängstigter Menschen, die von einer Hand mit Plastikhandschuh an Deck gezogen werden, sind alltäglich geworden. Bis zu 30000 Flüchtlinge sind in den vergangenen 20 Jahren im Mittelmeer ertrunken, Hunderttausende haben die Flucht geschafft. Vielen Europäern scheint dieser Massenansturm über das Mittelmeer als wachsendes Ärgernis mit gelegentlichem Kollateralschaden. Aber die Qualität einer Gesellschaft oder ihr ethisches Niveau zeigen sich auch in ihrer Fähigkeit zur Anteilnahme, zum Gegenteil von Gleichgültigkeit. Manche von denen, die am Freitag von der italienischen Küstenwache aus dem Meer gefischt wurden, könnten in acht Wochen bei uns vor der Tür sein. Und dass das Flüchtlingsthema längst bei uns ist, zeigt sich übrigens auch, wenn in unserer Redaktion ein Flüchtling aus Afghanistan ein Praktikum macht. Jede junge Generation in Deutschland hat den Alten Fragen gestellt nach ihren Versäumnissen der Vergangenheit. Oft waren es anklagende Fragen, die einen Nerv trafen. Viele der heute 50- bis 70-Jährigen haben ihre Eltern in den sechziger und siebziger Jahren gefragt, was sie denn damals gemacht hätten gegen die Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten oder gegen den Zweiten Weltkrieg. Bundespräsident Joachim Gauck meinte kürzlich auf die Frage, was unsere Kinder und Enkel uns eines fernen Tages vorwerfen: Sie könnten nachhaken, was wir denn zu Beginn des 21. Jahrhunderts gemacht hätten gegen das Massensterben im Mittelmeer. Nun sind zwar der Holocaust und das heutige Flüchtlingselend zwei grundverschiedene Ereignisse - doch was Gaucks Vergleich illustriert, ist dieses: Das Ignorieren von Unrecht oder die Gleichgültigkeit gegenüber Not waren während des Nationalsozialismus falsch. Das gilt auch für die Not von heute.

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