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ZDF-Programmhinweis
Dienstag, 19. Februar 2002, 23.45 Uhr
Im Glashaus - Das Philosophische Quartett

    Mainz (ots) -
    
    Der Skandal - Von Nutzen und Nachteil der Empörung
    
    "Die moderne Gesellschaft", so der Befund von Peter Sloterdijk,
"zeichnet sich durch eine hohe Skandalanfälligkeit aus." Das Prinzip
der Diffamierung wird in Deutschland immer mehr zum Politikersatz. Je
geringer die Kompetenz der Parteien für Problemlösungen wird, umso
stärker gedeiht ihre Neigung, Konflikte, Unregelmäßigkeiten und
Missstände zum Skandal hoch zu stilisieren. Es ist Mode und Methode
geworden, statt plausibler Lösungen Sündenböcke zu suchen, die man an
den Pranger stellen kann.
    
    So hat sich bei uns, wie Sloterdijk sagt, ein neuer Berufszweig
entwickelt: der "Skandaltechniker und Skandalstratege". Mit dem Mut
zu grober, nicht statthafter Vereinfachung entfachen diese Experten
den Skandal, halten damit Anhängerschaften beisammen, polarisieren
und verdecken die Unfähigkeit zu wahrhaft geistigem Diskurs. Der
Skandal wird damit zu einer überaus schädlichen Kommunikationsform.
Er kann an den Rand des semantischen Bürgerkriegs führen und
psychische Spuren an den Teilnehmern hinterlassen. "Skandalbereite
Medien gehen von der Information zur Erregung über": Im Kampf um
Marktanteile und Auflagenhöhe wird aus einer kritischen
Öffentlichkeit eine "Meinungstreibjagd, aus der jeder eine möglichst
hohe Rendite ziehen will", sagt Sloterdijk. Der soziale Zusammenhang
ist bedroht. Skandale der vergangenen Jahre um Martin Walser, Peter
Handke oder Botho Strauss können dies beispielhaft zeigen.
    
    Andererseits stellt sich die Frage, ob der Skandal nicht auch
wichtig für den Themenhaushalt einer gut funktionierenden Demokratie
ist. Hier wird sichtbar, dass es neben dem offiziellen Parteiensystem
informelle Parteien gibt, die anlässlich solcher Erregungen an die
Oberfläche kommen. Rüdiger Safranski spitzt diese Beobachtung auf die
These zu, dass "das Aufdecken von Skandalen geradezu ein
Gesundheitszeugnis für die Demokratie" sein kann.
    
    Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski haben den Schriftsteller
Martin Walser und den Publizisten und ehemaligen Politiker Klaus von
Dohnanyi zum philosophischen Gespräch eingeladen. Martin Walser gilt
seit Jahrzehnten als wortgewaltiger Interpret und Kommentator
deutscher Zustände. Er kann aus eigener bitterer Erfahrung vom Nutzen
nicht, umso mehr aber vom Nachteil des Lebens unter einem Skandal
berichten, den er 1998 mit seiner Rede anlässlich der Verleihung des
Friedenspreises des Deutschen Buchhandels auslöste. Klaus von
Dohnanyi war einer der wenigen, die sich damals auf die Seite von
Walser stellten. Aus seinem Verständnis von Zivilcourage und der
Forderung nach einer freien Diskussion hat er damals wie heute das
Wort ergriffen.
    
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