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WAZ: Rummel um einen Eisbären - Die Knutisierung der Gesellschaft - Leitartikel von Ulrich Schilling-Strack

Essen (ots)

Am 8. April 2008, um 15 Uhr, hat sich in Nürnberg
Folgendes ereignet: Mehrere Hundertschaften Reporter, Fotografen, 
Kameramänner strömten unter freiem Himmel zusammen und balgten sich 
mit hartem Ellenbogeneinsatz um die besten Plätze. Aber nicht die 
Kanzlerin, nicht der Papst diktierten an diesem 8. April 2008 die 
Schlagzeilen. Die versammelte Medienmacht beobachtete einen Eisbären 
beim Planschen.
Im Banne des Bären sind wir ja schon seit einem Jahr. Manch einer
sah auch den Untergang des Abendlandes nahen, wenn nicht mehr Irak 
und Darfur, sondern die Flegelzeit eines Raubtieres von Zeit zu Zeit 
die Nachrichten stürmen. Das scheint nun wirklich ein wenig hoch 
gegriffen. Aber das Phänomen Knut und Flocke beschäftigt längst auch 
Soziologen und Politiker, und das nicht zu knapp.
Guido Westerwelle hat zum Beispiel die "Knutisierung der Politik"
kritisiert. Alles werde inzwischen "gefühlig", behauptete der 
FDP-Vorsitzende und beklagte einen Trend weg vom Programm, hin zum 
Niedlichen.
Historiker entdecken hier Parallelen zum Biedermeier. Der Rückzug
ins Private aus einer Welt der Probleme. Wo Konfusion sich 
breitmacht, kuschelt man sich gerne gemütlich vor dem Kamin. Lässt 
Irak Irak und Darfur Darfur sein und wärmt das Herz lieber am 
possierlichen Tier. Sollen sich doch die Politiker um die Probleme 
dieser Welt kümmern.
So funktioniert Demokratie natürlich nicht, und deshalb ist die 
Diskussion um Knut und Flocke angebracht. Der Nürnberger Zoo hat sich
der Herausforderung gestellt und die Kritik an der umstrittenen 
Aufzucht eines Eisbären von Anfang an ernst genommen. Nicht ganz 
uneigennützig natürlich, das sollte an dieser Stelle nicht 
verschwiegen werden. Ein Zoo ist nun mal ein Wirtschaftsunternehmen, 
der Bär ein wichtiger Bilanzfaktor.
Berichterstattung und Reaktionen haben sich aber auch längst aus 
dem Käfig des Niedlichen befreit. Inzwischen geht es um nicht mehr 
nur putziges Planschen und entzückende Ekstase. Sondern auch um 
artgerechte Haltung in den Zoologischen Gärten, um Tierschutz oder 
Klimakatastrophe, um schmelzende Pole und aussterbende Arten.
Alles gewichtige Themen, bei denen
wir doch auch alle irgendwie Flocke sein sollten.

Pressekontakt:

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Zentralredaktion
Telefon: 0201 / 804-2727
zentralredaktion@waz.de

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