UNICEF-Studie zum Wohlbefinden von Kindern: Deutschland schneidet erneut unterdurchschnittlich ab
UNICEF-Studie zum Wohlbefinden von Kindern: Deutschland schneidet erneut unterdurchschnittlich ab
Im internationalen Vergleich nur Platz 25 von 37 / Kinderarmutsquote stagniert
Köln, den 17. Mai 2026
Das Wohlbefinden der Kinder in Deutschland ist im internationalen UNICEF-Vergleich unterdurchschnittlich: Platz 25 von 37 umfassend bewerteten Ländern. Damit liegt Deutschland wie schon im letzten Bericht des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen im unteren Mittelfeld – und bleibt weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Das zeigt die neue Studie des UNICEF-Forschungsinstituts Innocenti zum kindlichen Wohlbefinden in Ländern der EU und OECD.
Die Analyse „Report Card 20: Unequal Chances – Children and economic inequality“ ist die 20. Ausgabe der internationalen Vergleichsstudie zum Wohlbefinden von Kindern in wohlhabenden Ländern. Sie zeigt: In Ländern mit hoher Einkommens- und Vermögensungleichheit und Kinderarmut wachsen weiter viele Kinder unter Bedingungen auf, die ihre körperliche und mentale Gesundheit, ihre schulischen Kompetenzen und damit auch ihre Zukunftschancen massiv beeinträchtigen.
„Die Bekämpfung der Kinderarmut muss politische Top-Priorität werden”, sagt Christian Schneider, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland. „Unser Land vergibt Zukunftschancen: Wer heute nicht in die Teilhabe, die Bildung und die gesundheitliche Versorgung der jüngsten Generation investiert, schadet nicht nur den Kindern, sondern zahlt morgen einen hohen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Preis. Wie wir mit benachteiligten Kindern umgehen, entscheidet darüber, wie leistungsfähig und resilient unsere Gesellschaft sein wird.”
Stagnierende Kinderarmut, schwache Bildungsergebnisse
Im Durchschnitt der von UNICEF untersuchten Länder lebt fast jedes fünfte Kind in Einkommensarmut. Auch für Deutschland zeichnet die Studie ein besorgniserregendes Bild. Die Kinderarmutsquote stagniert seit Jahren bei hohen 15 Prozent. Die Einkommensungleichheit ist von einem Verhältnis von 1 zu 4,3 (2012) auf 1 zu 5,0 gestiegen. Das bedeutet: Menschen im wohlhabendsten Fünftel der Bevölkerung verfügen heute über fünfmal so viel Einkommen wie Menschen im ärmsten Fünftel. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit im Mittelfeld – doch die Folgen sind für viele Kinder gravierend.
Alarmierend ist auch Deutschlands Abschneiden im Bereich Bildung: Nur 60 Prozent der 15-Jährigen erreichen die Mindestkompetenzen in Lesen und Mathematik. Damit liegt Deutschland auf Platz 34 von 41 Ländern mit vergleichbaren Bildungsdaten. Länder wie Irland (Platz 1 bei den Kompetenzen), Slowenien (Platz 2) oder die Republik Korea (Platz 3) zeigen, dass bessere Ergebnisse möglich sind – auch mit teils deutlich schlechterer wirtschaftlicher Ausgangslage. In Deutschland ist zudem der Abstand zwischen Jugendlichen aus sozioökonomisch benachteiligten und denen aus privilegierten Familien besonders groß: Unter den Jugendlichen aus benachteiligten Familien erreichen nur 46 Prozent die grundlegenden Kompetenzen. In privilegierten Familien sind es dagegen 90 Prozent.
Körperliche und mentale Gesundheit hängen oft vom Geldbeutel ab
Die Studie zeigt, wie sich Chancenungleichheit auf die Lebensrealität von Kindern auswirkt. Kinder aus besser gestellten Familien haben nicht nur bessere schulische Kompetenzen, sie sind auch häufiger gesund als Kinder aus benachteiligten Familien. Zudem sind Kinder in Ländern mit höherer Ungleichheit häufiger gesundheitlich belastet, etwa durch ein höheres Risiko für Übergewicht oder schlechtere allgemeine Gesundheit.
Deutschland liegt im Bereich der körperlichen Gesundheit mit Rang 15 von 41 im oberen Mittelfeld. Doch auch hier zeigt sich der Zusammenhang von körperlicher Gesundheit und dem Familieneinkommen und -vermögen: Der Großteil der Kinder aus dem wohlhabendsten Fünftel der Familien (79 Prozent) ist in sehr guter gesundheitlicher Verfassung. Bei den ärmsten Kindern sind es nur 58 Prozent.
Beim mentalen Wohlbefinden zeigt sich ein ähnliches Bild: Zwar ist der Zusammenhang zwischen ökonomischer Ungleichheit und psychischer Gesundheit komplex, doch die Studie weist darauf hin, dass das Aufwachsen in Armut die mentale Gesundheit negativ beeinflussen kann. In Deutschland berichten nur 61 Prozent der 15-Jährigen aus den einkommensschwächsten Familien von hoher Lebenszufriedenheit. Bei Jugendlichen aus wohlhabenden Familien sind es 73 Prozent.
Schon der umfassende UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland 2025 hatte gezeigt, wie stark Kinderarmut in Deutschland die Chancen von Kindern einschränkt, ihr Recht auf eine gute Entwicklung, eine gute Bildung, Gesundheit sowie gesellschaftliche Teilhabe einzulösen.
Andere Länder zeigen: Es geht auch anders
Die neue internationale Studie belegt nun erneut, dass wirtschaftlich vergleichbare oder sogar schwächere Länder mit Blick auf das Wohlbefinden von Kindern deutlich besser abschneiden als Deutschland. Die Niederlande, Dänemark und Frankreich belegen die ersten drei Plätze. Aber auch in Ländern wie Portugal (Platz 4) und Litauen (Platz 7), mit zum Teil deutlich geringerer Wirtschaftskraft, wachsen Kinder insgesamt unter besseren Bedingungen auf.
Die Report Card 20 von UNICEF macht deutlich: Ökonomische Benachteiligung und mangelnde Teilhabe beeinträchtigen den gesamten Alltag von Kindern – etwa durch schlechte Wohnverhältnisse mit wenig Rückzugsräumen, schlecht ausgestattete Schulen und benachteiligte Nachbarschaften, in denen beispielsweise Kinderärzte oder Spielplätze fehlen. Zudem erhöht finanzielle Unsicherheit den Stress in Familien und kann so die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern beeinträchtigen. Werden einkommensschwache Familien unzureichend unterstützt, hat das langfristige Folgen – nicht nur für betroffene Kinder, sondern für die gesamte Gesellschaft: Schlechtere Bildungschancen und gesundheitliche Belastungen erhöhen das Risiko von Krankheit, sozialer Ausgrenzung und geringerer Qualifikation im Erwachsenenalter.
UNICEF Deutschland empfiehlt auf Basis der Studienergebnisse ein entschlossenes politisches Handeln, das Kinder mehr in den Mittelpunkt stellt. Zentrale Empfehlungen sind:
- Kinderarmut wirksam bekämpfen und gezielt in benachteiligte Kinder investieren: Die Bundesregierung sollte ein ressortübergreifendes Maßnahmenpaket zur gezielten finanziellen Absicherung von benachteiligten Kindern und Familien entwickeln, Leistungen zugänglicher machen, wie etwa durch die verbesserte Auszahlung des Kindergeldes, und das soziokulturelle Existenzminimum bedarfsgerecht neu berechnen. Öffentliche Mittel sollten dort priorisiert werden, wo die Not am größten ist – etwa durch gezielte Förderung in Schulen und Kitas und bessere Gesundheitsversorgung.
- Gute Zugänge für ein gutes Aufwachsen schaffen: Bund, Länder und Kommunen müssen in den Blick nehmen, dass alle Kinder Zugang zu Ressourcen wie gut ausgestattete Schulen, Arztpraxen oder Spielplätze haben. Benachteiligte Wohnviertel sollten kindgerecht gestaltet und Kooperationen zwischen Kinder- und Jugendhilfe sowie Schulen gestärkt werden. Programme wie die “Kinderfreundlichen Kommunen” können dies konzeptionell begleiten.
- Kinderinteressen stärken: Bund und Länder sollten geeignete Stellen etablieren, um die Interessen von Kindern und Familien wirksam zu vertreten, wie dies in anderen europäischen Ländern der Fall ist, beispielsweise durch Kinderbeauftragte. Sie sollten dafür sorgen, dass die Meinung und die Perspektiven von Kindern in der politischen Willensbildung eine größere Rolle spielen. Eine Klarstellung der Rechte von Kindern im deutschen Grundgesetz würde ebenfalls dazu beitragen, dass die Interessen von Kindern und Familien bereits in Gesetzgebungsverfahren ausdrücklich beachtet werden müssten.
- Datenlage und Monitoring verbessern: Politik für Kinder kann nur nachhaltig und wirkungsvoll sein, wenn ausreichende Informationen zur Lage der Kinder und zur Wirkung politischer Maßnahmen vorliegen. Notwendig sind ein kontinuierliches Monitoring der Situation von Kindern und Jugendlichen sowie bedarfsgerechte Evaluationen politischer Interventionen.
Service für Redaktionen:
Die vollständigen UNICEF-Bericht „Report Card 20: Unequal Chances – Children and economic inequality“ finden Sie hier. (Englisch).
Die deutsche Zusammenfassung der Report Card 20 finden Sie hier.
Weiterführende Informationen finden Sie im UNICEF Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland (2025). Mehr Informationen hier.
Bildmaterial zur Berichterstattung finden Sie hier.
Über die Report Card-Serie von UNICEF Innocenti
Das UNICEF-Forschungsinstitut Innocenti mit Sitz in Florenz vergleicht in seiner Report Card-Serie seit dem Jahr 2000 regelmäßig die Situation von Kindern in den wohlhabenden Ländern der Welt. Auf der Basis aktueller Forschungsergebnisse werden Trends im kindlichen Wohlbefinden untersucht, Gründe für diese Entwicklungen identifiziert und mögliche Maßnahmen für Politik und Gesellschaft erarbeitet. Jede Ausgabe untersucht unterschiedliche Schwerpunkte im Bereich des kindlichen Wohlbefindens anhand aktueller Forschungsergebnisse. Die Report Card 20 untersucht in 44 Ländern der EU und OECD, wie wirtschaftliche Ungleichheit mit dem Wohlbefinden von Kindern zusammenhängt. Sie aktualisiert die Rangliste des kindlichen Wohlbefindens anhand von sechs Indikatoren aus den Bereichen physische Gesundheit, mentales Wohlbefinden und Kompetenzen. In den Gesamtvergleich gehen noch 37 der 44 Länder ein, da für einen Teil der Länder nicht alle dafür nötigen Daten vorliegen.
Über UNICEF
UNICEF wurde vor 80 Jahren gegründet, um Kindern im vom Zweiten Weltkrieg zerstörten Europa zu helfen. UNICEF setzt sich heute weltweit – auch in Deutschland – für die Umsetzung der Rechte aller Kinder ein. In Deutschland sind rund 7.000 ehrenamtliche Erwachsene und Jugendliche für UNICEF aktiv. Mit Initiativen wie dem Programm Kinderrechteschulen und dem Einsatz für mehr Kinderfreundlichkeit in den Kommunen sowie mit seiner politischen Arbeit trägt UNICEF Deutschland auch hierzulande zu einem besseren Verständnis der Rechte und der Belange von Kindern bei. Wir sind Partner der ARD-Mitmachaktion #unsereKinder.
Pressekontakt: UNICEF Deutschland, Agnieszka Szczepanska, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, 030-2758079-290, presse@unicef.de
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