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03.05.2003 – 19:30

Der Tagesspiegel

Pressestimmen: "Polen vertritt Amerika im Irak"

Berlin (ots)

Polens Ex-Außenminister Bartoszewski findet
Warschaus Beteiligung an der Besatzung des Irak konsequent Berlin
(cvm). Der ehemalige polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski
hat die Beteiligung seines Landes an der militärischen Besatzung des
Irak im Gespräch mit dem Tagesspiegel am Sonntag als konsequent und
nahe liegend bezeichnet. Polen habe über Jahrzehnte sehr enge
Beziehungen zum Irak unterhalten und in den jüngsten zwölf Jahren
eine Schlüsselrolle zwischen Washington und Bagdad gespielt. „Zwölf
Jahre lang haben wir Amerikas Interessen im Irak wahrgenommen. Von
1991 bis zum Februar 2003 lag die Interessenvertretung der USA in
Bagdad bei der polnischen Botschaft", erläuterte Bartoszewski dem
Tagesspiegel am Sonntag. „Zugespitzt bedeutet das: Entscheidende
Informationen und Dokumente hat der amerikanische Außenminister erst
nach seinem polnischen Kollegen zu lesen bekommen", erzählt
Bartoszewski über seine Amtszeit 1995/96. „Zehntausende polnische
Ärzte, Ingenieure, Techniker, Baufachleute und andere Spezialisten
haben in den 70er und 80er Jahren im Irak gearbeitet", berichtet
Bartoszewski. „Polen kümmerten sich um Straßenbau, Ölförderung und
Petrowirtschaft, bauten Zuckerfabriken." Umgekehrt studierten Jahr
für Jahr Hunderte Araber in Polen, insbesondere Medizin, technische
Berufe und Wirtschaft. „Wir haben die akademischen Eliten solcher
Länder wie Irak ausgebildet. Und viele von ihnen sprechen Polnisch."
Es gebe auch zahlreiche Ehen polnischer Frauen mit christlichen
Irakern. „Wir Polen fühlen uns im Irak nicht fremd, und die Iraker
sehen in uns keine Besatzer." Deshalb hält der ehemalige
Außenminister den Begriff „polnische Besatzungszone" für überzogen.
„Es geht um Friedenssicherung, öffentliche Ordnung und Wiederaufbau.
Wir gelten im Irak nicht als Imperialisten." Anders als Frankreich
und Großbritannien sei Polen nie Kolonialmacht im Nahen und Mittleren
Osten gewesen, das sei auch heute entscheidend für die Haltung der
arabischen Welt wie schon in den 70er und 80er Jahren. Wie die
damalige Volksrepublik Polen sei Saddam Husseins Baath-Partei
ursprünglich sozialistisch gewesen, ehe das Regime sich zu einer
ideologisch indifferenten Diktatur wandelte. Polens Wende zu
Demokratie und Marktwirtschaft habe eines nicht verändert, betont
Bartoszewski: „Wir gelten dort eher als Kumpel, weniger als Herren."
Im Westen wisse man wenig über Polens große Erfahrung mit
Friedenseinsätzen. „Wir stehen seit Jahren auf dem Golan zwischen
Syrern und Israelis und im Libanon. Weil es kaum Konflikte gibt, hört
man davon wenig. Aber die Araber wissen es zu schätzen." Auch auf dem
Balkan habe sich gezeigt, dass Serben oder Kroaten die polnischen
Friedenstruppen besser behandelten als die westeuropäischen
Kontingente. Vorwürfe, Polens (und Großbritanniens) Einsatz an der
Seite Amerikas habe die Spaltung Europas mit verursacht, weist
Bartoszewski zurück. „Nicht wir stellen uns an Amerikas Seite,
sondern Amerika nutzt unsere Kompetenz im Irak." Europa solle
aufhören, seine Zerrissenheit zu kultivieren, „zur Besinnung kommen
und beim Aufbau mithelfen". Nichts sei falsch daran, wenn polnische
Firmen ihre alten Kontakte nutzten. „Wir sind im Irak bekannt, gelten
als kompetent, als Partner und nicht als Gegner." In militärische
Auslandseinsätze schicke Polen nur Freiwillige, auf jeden Platz komme
ein Dutzend Bewerber. „Wir haben die Diktatur hinter uns gelassen.
Warum sollen wir jetzt nicht anderen helfen, demokratische
Verantwortung für sich zu übernehmen?", sagte Bartoszewski.
Der Text ist unter Nennung der Quelle zur Verwendung frei.
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ots-Originaltext: Der Tagesspiegel

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