Good Mobility Council GmbH & Good Mobility Foundation gGmbH
GMC & Entwicklungsstdat: Wie mobil ist ein Gebäude? Ein neues Zertifikat will Antworten liefern
Mobilität wird zunehmend zum entscheidenden Faktor für die Qualität von Gebäuden und Quartieren. Im Interview mit Björn Leffler von ENTWICKLUNGSSTADT erklären die Gründer des Good Mobility Council, warum sie Mobilität erstmals systematisch messbar machen wollen.
Wie bewegen sich Menschen künftig durch unsere Städte, und welche Rolle spielen Gebäude und Quartiere dabei? Diese Frage rückt zunehmend in den Fokus von Projektentwicklern, Investoren und Kommunen. Ein aktuelles Beispiel liefern zwei Berliner Projekte von Tishman Speyer, die jüngst vom Good Mobility Council ausgezeichnet wurden: Der Campus „LXK“ in Berlin-Friedrichshain erhielt die Vorzertifizierung in Platin, das Projekt „Elements“ in Berlin-Mitte wurde mit Gold bewertet.
Über die Idee hinter dem Good Mobility Council, die Bedeutung von Mobilität für die Stadtentwicklung und die Herausforderungen bei der Umsetzung sprechen wir mit den Köpfen hinter Good Mobility Council.
ENTWICKLUNGSSTADT: Hallo Herr Kucz, das Thema Mobilitätszertifizierung ist ja recht neu. Was macht Ihr Unternehmen Good Mobility Council?
Dr. Ingo Kucz: Wir machen Mobilität an Gebäuden messbar. Das ist bis heute ein blinder Fleck: denn rund 80 Prozent aller Wege starten oder enden an einem Gebäude. Trotzdem wird Mobilität in der Planung oft stiefmütterlich behandelt – das Gebäude wird gewissermaßen ums Auto herum gebaut, und alles andere kommt später dazu. Genau das wollten wir ändern.
Deshalb haben wir den Good Mobility Standard entwickelt und daraus ein Zertifikat gemacht: Certified Good Mobility. Damit zeigen wir, wie gut die Mobilität an einem Gebäude geplant ist – vom Fahrradparken über die ÖPNV-Anbindung bis zum Umgang mit dem Auto. Wir prüfen das nach klaren Kriterien und vergeben am Ende eine Auszeichnung in vier Stufen: Bronze, Silber, Gold und Platin.
Das Besondere ist, dass wir zwei Dinge zusammenbringen, die sonst auseinanderlaufen: eine gute Nutzererfahrung auf der einen Seite und die Mobilitätsziele der jeweiligen Kommune auf der anderen. Wir sind dabei bewusst neutral. Und wir sind nicht gegen das Auto, sondern für gute Wahlmöglichkeiten. Wenn die Infrastruktur und die Services zu den Bedürfnissen der Menschen passen, entsteht gute Mobilität fast von selbst. „Wie ist das Gehen und die Barrierefreiheit organisiert? Wie gut ist das Ankommen und Abstellen eines Fahrrades – auch E- und Lastenbikes? Wie reagiert das Projekt auf eine umgebende ÖPNV-Station? Wie gut ist das Pkw-Parken auf eine gute Nutzererfahrung oder sich wandelnde technische Anforderungen ausgerichtet?“
ENTWICKLUNGSSTADT: Wie muss man sich ganz konkret eine Mobilitätszertifizierung vorstellen, was passiert da genau? Und welche Gebäude fallen überhaupt darunter?
Christian Scheler: Im Kern schauen wir uns ein Gebäude entlang von allen relevanten Verkehrsmitteln an – nicht nur auf einzelne Themen, wie bei vielen Verkehrs- und Mobilitätskonzepten üblich. Wir fragen: Wie gut ist das Gebäude auf zukünftige Entwicklungen ausgerichtet – Stichwort future-readiness. Wie ist das Gehen und die Barrierefreiheit organisiert? Wie gut ist das Ankommen und Abstellen eines Fahrrades – auch E- und Lastenbikes? Wie reagiert das Projekt auf eine umgebende ÖPNV-Station? Wie gut ist das Pkw-Parken auf eine gute Nutzererfahrung oder sich wandelnde technische Anforderungen ausgerichtet? Werden die für Projekte relevanten Themenfelder Sharing und Logistik ausreichend mitgedacht? Und wir schauen auch auf Themen, die zunächst nichts mit Infrastruktur zu tun haben, aber für eine gute Mobilität an Gebäuden sehr relevant sind: Mobilitätsmanagement und den Planungsprozess selbst. Dahinter stehen 52 Fragen, mit denen wir alle mobilitätsrelevanten Aspekte strukturiert bewerten.
Wichtig ist: Wir bewerten hyperlokal. Als Planungsgrundlage nehmen wir die Mobilitätswendeziele der Kommune am konkreten Standort. Ein Gebäude an einem Bahnhof bewerten wir anders als eines am Stadtrand. „Aktuell zertifizieren wir vor allem Büro- und Gewerbeimmobilien, Wohnprojekte und ganze Quartiere. Auszeichnen können wir aber auch Mobility Hubs und Retailobjekte – und demnächst Logistikzentren.“
Der Ablauf hat dann vier Schritte. Am Anfang steht ein Briefing: Einer unserer Good Mobility Fellows analysiert den Standort und erstellt ein Lastenheft. Die Fellows sind unabhängige Planungsprofis – Stadt- und Verkehrsplaner, Mobilitätsberater, Ingenieurbüros. Im zweiten Schritt begleitet der Fellow das Projekt und optimiert die Planung entlang unserer Kriterien. Im dritten Schritt prüfen wir als Good Mobility Council unabhängig: Zwei Prüfer:innen bewerten getrennt in der Konformitätsprüfung. Und im vierten Schritt erhält das Gebäude sein Zertifikat. Das entspricht dem Vorgehen, das bei etablierten Zertifizierungssystemen üblich ist.
Zur Frage, welche Gebäude darunterfallen: grundsätzlich Neubauten und Sanierungen im Bestand. Aktuell zertifizieren wir vor allem Büro- und Gewerbeimmobilien, Wohnprojekte und ganze Quartiere. Auszeichnen können wir aber auch Mobility Hubs und Retailobjekte – und demnächst Logistikzentren. Wir können ein Gebäude schon in der Planung auszeichnen – das ist dann ein Vorzertifikat, ein „Pre-Certified Good Mobility“. Das Vollzertifikat folgt, wenn das Gebäude fertig ist und in Betrieb ist.
ENTWICKLUNGSSTADT: Gibt es im internationalen Vergleich bereits ähnliche Modelle, oder ist dieses Konzept nur hier in Deutschland auf dem Vormarsch?
Dr. Ingo Kucz: In dieser Breite und Tiefe sind wir das einzige System. Es gibt andere Ansätze, aber die fokussieren meist nur auf einen Aspekt – etwa das Rad oder das Gehen. Wir betrachten dagegen das gesamte Mobilitätsbild eines Gebäudes über alle acht Themenfelder.
Die großen Green-Building-Zertifikate wie LEED oder DGNB haben Mobilität durchaus im Kriterienset – aber dort ist sie nur ein kleinerer Baustein unter vielen Themen. Das ist auch gar kein Widerspruch zu uns, im Gegenteil: Die meisten von uns zertifizierten Projekte tragen ohnehin ein LEED oder DGNB und nutzen uns dann ganz bewusst für die vertiefende Optimierung im Bereich Mobilität. Wir verstehen uns als Ergänzung, die das bislang fehlende Feld schließt – die messbare Mobilitätsqualität.
ENTWICKLUNGSSTADT: Mit „Elements“ und „LXK“ wurden nun zwei Gebäude vor-zertifiziert, die noch im Entstehen sind. Welche Merkmale waren hier ganz konkret ausschlaggebend?
Christian Scheler: Beide Projekte gehören zu Tishman Speyer, liegen nur wenige hundert Meter voneinander entfernt an der Spree und sind noch in der Realisierung – sie haben also ein Vorzertifikat erhalten. Was sie unterscheidet, ist gut zu sehen.
Beim LXK-Campus in Friedrichshain, der mit 92 Prozent die Platin-Stufe erreicht, war vor allem ein planerischer Paradigmenwechsel ausschlaggebend: Das Fahrradparken liegt im Erdgeschoss – ebenerdig, barrierefrei von der Straße erreichbar und mit Tageslicht. Flächen im Erdgeschoss werden hier hochwertig fürs Fahrrad genutzt. Dazu kommen Duschen und Umkleiden direkt daneben, Reparaturstationen, 67 E-Bike-Lademöglichkeiten und 17 Stellplätze für Lastenräder. Das ist die konsequente Umsetzung einer Fahrrad-Experience auf hohem Niveau.
Dr. Ingo Kucz: Beim Elements an der Michaelkirchstraße standen andere Stärken im Vordergrund. Hier überzeugt etwa die Öffnung des Areals zum Wasser: Eine neue, barrierefreie Wegeverbindung führt bis zur Uferpromenade, sodass Fußgänger aus den angrenzenden Hinterhöfen erstmals direkt ans Wasser gelangen. Hinzu kommen die Förderung einer Jelbi-Station mit Geofencing für Sharing-Angebote und Green-Lease-Verträge, die Mobilitätsmaßnahmen verbindlich machen – etwa Jobtickets, Dienstrad-Leasing oder Mobilitätsbudgets. Auch die redundante Erschließung des Fahrradparkens über Aufzug und eine beheizte, überdachte Rampe haben unsere Prüferinnen ausgezeichnet. Im Ergebnis erreicht das Projekt durch seine Planung und die Absichtserklärungen die Stufe Gold.
Was beide eint, ist die strategische Dimension: Gute Mobilität wird zum Werttreiber. Ein Gebäude, das schlecht erreichbar ist, verliert auf Dauer Nutzer, dann Mieter, dann Wert. Wer Mobilität früh mitdenkt, sichert die Zukunftsfähigkeit seiner Immobilie. Endgültig beweisen lässt sich dieser Zusammenhang heute noch nicht – aber alle Signale aus dem Markt, von ESG-Anforderungen bis zur Standortwahl von Unternehmen im Wettbewerb um Talente, deuten genau in diese Richtung.
ENTWICKLUNGSSTADT: Herr Kucz, Herr Scheler, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Good Mobility Council GmbH Dr. Ingo Kucz Pressesprecher presse@goodmobility.org Große Hamburger Str. 28 // 10115 Berlin