Deutscher Verkehrssicherheitsrat e.V.
Führerscheinreform: Ja zur Modernisierung – aber Sicherheit muss oberstes Ziel bleiben
Deutscher Verkehrssicherheitsrat (DVR) e.V.
Pressemitteilung
Führerscheinreform: Ja zur Modernisierung – aber Sicherheit muss oberstes Ziel bleiben
Berlin, 20. Mai 2026
In seiner Stellungnahme zu den Referentenentwürfen des Bundesministeriums für Verkehr (BMV) zur geplanten Reform der Fahrausbildung setzt sich der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) für eine zeitgemäße Mobilitätskultur ein. Heute befasst sich das Bundeskabinett mit den Entwürfen. Der DVR fordert, Fahrsimulatoren, App-basiertes Lernen und Fahrpraxisbegleitung sinnvoll in die Fahrausbildung zu integrieren. Gleichzeitig warnt der DVR vor einem Paradigmenwechsel: Oberstes Ziel der Fahrausbildung muss weiterhin die Befähigung zur sicheren und verantwortungsvollen Teilnahme am Straßenverkehr bleiben.
Verkehrssicherheit muss oberste Priorität bleiben
Junge Fahrerinnen und Fahrer im Alter von 18 bis 24 Jahren zählen weiterhin zu den besonders gefährdeten Gruppen im Straßenverkehr. Vor diesem Hintergrund kritisiert der DVR die geplante Neufassung von Paragraf 1 der Fahrschüler-Ausbildungsordnung. Der Entwurf sieht vor, als Ziel künftig die Vorbereitung auf die Fahrerlaubnisprüfung an erster Stelle zu nennen – und erst danach die sichere und verantwortungsvolle Verkehrsteilnahme.
„Wenn das Bestehen der Prüfung an erster Stelle steht, verändert sich die gesamte Logik der Ausbildung. Es besteht die Gefahr, dass sich der Unterricht nur noch daran orientiert, welche Situationen typischerweise in der Prüfung vorkommen und welche Abläufe Prüfende erwarten. Der Fokus verschiebt sich damit von echter Verkehrskompetenz hin zur bloßen Bewältigung eines Tests. Das setzt ein falsches Signal“, sagt Manfred Wirsch, Präsident des DVR. „Was an erster Stelle steht, hat Leitbildcharakter. Der Auftrag der Fahrausbildung besteht darin, Menschen zur sicheren Verkehrsteilnahme zu befähigen. Die Prüfung dient dem Nachweis dieser Befähigung – sie darf nicht zum übergeordneten Ziel werden.“
Fahrsimulatoren: Potenziale konsequent nutzen
Der DVR befürwortet seit Langem den Einsatz moderner Simulationstechnologien. In Fahrsimulatoren können komplexe Fahrsituationen wie Überholmanöver, das Reagieren auf Einsatzfahrzeuge, das Bilden von Rettungsgassen oder das Fahren bei Dunkelheit gefahrlos trainiert werden. Der aktuelle Entwurf des BMV greift diesen Vorschlag auf, sieht jedoch keine Sonderfahrten mit Simulatoren vor. Der DVR fordert hier eine Nachbesserung: Zwei von mindestens fünf Überlandfahrten, eine von mindestens drei Autobahnfahrten und eine von mindestens drei Nachtfahrten sollten optional auch im Fahrsimulator absolviert werden können.
„Im Simulator können komplexe Situationen beliebig oft wiederholt werden, um Fehler gezielt zu korrigieren“, sagt Manfred Wirsch. „Wir müssen Technologie als Verbündeten begreifen. Sie hilft dabei, Routinen für gefährliche Situationen zu entwickeln, die anschließend sicher im realen Straßenverkehr angewendet werden können.“
App-Lernen ja – aber mit pädagogischer Begleitung
Der DVR unterstützt ausdrücklich die Möglichkeit des digitalen Theorieunterrichts in Gruppen, ergänzt um autodidaktischen Wissenserwerb via App. Den Vorschlag des BMV, sämtliche Theorieinhalte auch ausschließlich via App ohne soziale Interaktion zu lernen, lehnt der DVR ab.
„Didaktisch gut aufbereitete Apps sind zeitgemäß und gehören zum Alltag junger Menschen. Gleichzeitig ist echter Kompetenzerwerb nicht ausschließlich ein isolierter Prozess am Smartphone, sondern erfordert zumindest teilweise professionelle Anleitung“, sagt Manfred Wirsch. „Gefahrenwahrnehmung, Selbstreflexion, Stressbewältigung und Verantwortungsgefühl lassen sich nicht allein durch das Auswendiglernen von App-Fragen vermitteln. Fehlt diese pädagogische Basis in der Theorie, muss sie später zeit- und kostenintensiv in der Praxis nachgeholt werden.“
Um einheitliche Qualitätsstandards in der Fahrausbildung sicherzustellen, fordert der DVR zudem einen bundesweit verbindlichen Rahmenlehrplan inklusive systematischer Kontrollen und Rückmeldungen zum Lernstand.
Sicherheitsgewinn: Fahrpraxisbegleitung vor dem Führerscheinerwerb
Positiv bewertet der DVR die neue Fahrpraxisanleitungs-Verordnung. Diese soll es Fahrschülerinnen und Fahrschülern ermöglichen, bereits vor der praktischen Prüfung zusätzliche Fahrpraxis in Begleitung einer nahestehenden Person zu sammeln. Voraussetzung ist eine klare Schnittstelle zur professionellen Ausbildung: Fahrlehrkräfte sollten auf Basis einer abschließenden Lernstandskontrolle entscheiden, ob die notwendige Reife für diese zusätzliche Lernphase erreicht ist. Die Rahmenbedingungen dafür sollten unter Einbindung von Expertinnen und Experten definiert und in einem wissenschaftlich begleiteten Pilotprojekt erprobt werden.
„Zusätzliche Fahrpraxis ermöglicht es Fahrschülerinnen und Fahrschülern, mehr Erfahrungen im Straßenverkehr unter realen Alltagsbedingungen zu sammeln“, sagt Manfred Wirsch. „So werden Routinen gestärkt und damit die Verkehrssicherheit insbesondere in der besonders unfallanfälligen Phase nach Abschluss der Fahrausbildung nachhaltig verbessert.“
Zeit als Sicherheitsfaktor: BF17 weiterentwickeln
Ein zentrales Anliegen des DVR bleibt die Weiterentwicklung des Begleiteten Fahrens ab 17 (BF17) nach dem Führerscheinerwerb, das sich als effektives Instrument der Unfallprävention bewährt hat. Um den Sicherheitsgewinn von BF17 weiter zu erhöhen, fordert der DVR eine Vorverlegung des frühestmöglichen Ausbildungsbeginns auf den 16. Geburtstag. Bislang ist ein Beginn erst mit 16,5 Jahren möglich. Eine Vorverlegung würde ermöglichen, die theoretische und praktische Prüfung ohne Zeitdruck vor dem 17. Geburtstag abzuschließen und die zwölfmonatige BF17-Begleitphase voll auszuschöpfen.
„Verkehrssicherheit ist kein Sprint, sondern ein Reifeprozess, der vor allem eines braucht: Zeit“, sagt Manfred Wirsch. „Mit einem früheren Ausbildungsbeginn beenden wir das unnötige Wettrennen gegen den Kalender und schenken den Jugendlichen wertvolle Monate zusätzlicher begleiteter Fahrpraxis.“
Weiterführende Informationen
DVR-Publikationen
DVR-Stellungnahmen
DVR-Beschlüsse
Fünf-Punkte-Plan zur Vision Zero für junge Fahranfängerinnen und Fahranfänger (2025)
Einsatz von Simulationen in der Fahrausbildung (2024)
Einführung eines Modells „Erweitertes Begleitetes Fahren ab 17“ (2024)
Mehr digitale Elemente in der theoretischen Fahrausbildung (2023)
Fahrausbildung: Zielgerichtete Kombination von Präsenz-Theorieunterricht und E-Learning (2021)
Pressefotos
Pressefotos von Manfred Wirsch sind unter diesem Link abrufbar. Ein Symbolfoto ist unter diesem Link abrufbar. Nutzung honorarfrei bei Nennung der Quelle.
Über den DVR
Der DVR ist Deutschlands unabhängiger Vorreiter und Kompetenzträger in allen Belangen der Straßenverkehrssicherheit. Mit dem Ziel der Vision Zero („Alle kommen an. Niemand kommt um.“) setzt er sich für die gemeinsame Verantwortung aller Gesellschaftsgruppen ein, um den Straßenverkehr sicher zu machen. Durch die hohe Sachkenntnis und die Erfahrung seiner Mitglieder bildet der DVR ein effizientes Netzwerk für Verkehrssicherheit.
Kontakt
Christoph Rieger Pressesprecher Abteilung Kommunikation Deutscher Verkehrssicherheitsrat (DVR) e.V. Jägerstraße 67-69 10117 Berlin +49 (0)30 2 26 67 71 - 30 CRieger@dvr.de www.dvr.de