Parkinson, Landwirtschaft und Lebensmut
Parkinson, Landwirtschaft und Lebensmut
Moderne Therapien am Klinikum Ingolstadt eröffnen neue Perspektiven
Christine Großhauser ist eine Frau, deren positive Ausstrahlung sofort ansteckt. Fit, dynamisch und voller Energie betritt die 60-Jährige den Raum der Physiotherapie-Abteilung im Klinikum Ingolstadt. Sie hat einen Termin bei Priv.-Doz. Dr. Angela Jochim, Oberärztin der Klinik für Akutgeriatrie unter der Leitung von Frau Prof. Dr. Birgit Herting, beide Expertinnen für Parkinsonsyndrome. Seit ihrem 42. Lebensjahr lebt Christine Großhauser mit Parkinson, einer unheilbaren Bewegungsstörung. Auf den ersten Blick ist ihr die Erkrankung kaum anzumerken – denn sie befindet sich gerade in einer sogenannten „On-Phase“, in der Medikamente gut wirken. In den „Off-Phasen“ hingegen lassen Beweglichkeit, Schlucken und Sprechen nach, oft verschlechtert sich auch die Stimmung. Im fortgeschrittenen Verlauf können sich diese Phasen mehrmals täglich abwechseln.
„Es ging damit los, dass ich nicht mehr richtig schreiben konnte. Meine Buchstaben wurden immer kleiner – meine Kolleginnen konnten meine Notizen kaum noch lesen“, erinnert sie sich. Später verlor sie ihren Geruchs- und Geschmackssinn – ausgerechnet sie, die so gerne für ihre Familie kocht. Ihr Hausarzt untersuchte sie mehrere Tage, doch Christine hatte längst einen Verdacht. „Ich habe mich in einem Gesundheitsmagazin informiert, die Anzeichen haben genau gepasst. Ich habe gespürt, dass es Parkinson ist.“ Ihren Beruf im Lifepark übte sie noch bis 2020 mit großer Freude aus. Dann ging es nicht mehr: Die Bewegungen wurden unkoordinierter, sie fühlte sich zeitweise völlig neben sich.
Glückliche Kindheit auf dem Bauernhof
Wenn Christine Großhauser von ihrer Kindheit erzählt, huscht ihr sofort ein Lächeln übers Gesicht. Sie wuchs mit fünf Geschwistern auf einem Bauernhof nahe Titting auf. „Wir waren den ganzen Tag draußen, haben getobt und mit allem gespielt, was wir finden konnten.“ Dass sie dabei auch mit giftigen Chemikalien wie Kunstdünger oder Weizenbeize in Kontakt kamen, war ihnen nicht bewusst. „Wir sind sogar barfuß darüber gelaufen, wegen der schönen Farbe“, erzählt sie. Ob dieser häufige Kontakt ein Grund für ihre frühe Parkinson-Erkrankung sein könnte, lässt sich heute nur vermuten.
Besteht ein Zusammenhang zwischen Landwirtschaft und Parkinson?
Priv.-Doz. Dr. Angela Jochim: Was in Frankreich bereits seit Längerem gilt, wurde in Deutschland 2024 eingeführt: Parkinson ist bei Landwirten als Berufskrankheit anerkannt. Ausschlaggebend sind Erkenntnisse, wonach ein häufiger (ungeschützter) Kontakt mit Pflanzenschutzmitteln (Pestiziden) oder auch bestimmten industriellen Lösungsmitteln das Erkrankungsrisiko erheblich erhöht. „Hierbei spielt zum einen ein direkter toxischer Effekt vor allem auf bestimmte, Dopamin produzierende Nervenzellen eine Rolle, zum anderen die Veränderung von Stoffwechselwegen mit vermehrtem oxidativem Stress, Störung der sogenannten Atmungskette in Mitochondrien (den „Kraftwerken der Zellen“) und anderen Effekten.
Für die Anerkennung als Berufskrankheit müssen an Parkinson erkrankte Landwirte engen Kontakt mit Pflanzenschutzmitteln an mindestens 100 Tagen nachweisen. Um dies im Einzelfall genauer einschätzen zu können, müsste man bei einem so frühen Krankheitsbeginn wie bei Frau Großhaußer aber auch an eine genetische Ursache denken und eine Untersuchung der Erbinformationen durchführen. Besonders seit ich in Ingolstadt arbeite, habe ich in der Parkinsonsprechstunde schon auffällig viele Landwirte betreut. Das Thema der Prävention neurodegenerativer Erkrankungen ist uns daher – ebenso wie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie - ein Herzensanliegen.“
Die meisten ihrer Geschwister leben bis heute in der Nähe, der Kontakt ist eng. Niemand von ihnen ist an Parkinson erkrankt. Warum es ausgerechnet sie getroffen hat? „Ich war schon immer vorne mit dabei“, sagt sie lachend. Die Frage „Warum ich?“ stellt sie sich nicht. „Warum nicht ich?“ Von ihrem Vater habe sie gelernt, optimistisch zu bleiben: „Wenn sich eine Tür schließt, geht irgendwo ein Fenster auf.“
Halt durch Familie und Bewegung
Seit 35 Jahren ist sie mit ihrem Mann Hannes verheiratet, gemeinsam haben sie zwei Kinder und zwei Enkelkinder. „Das sind richtige Racker, die halten mich auf Trab.“ Ihr Leben war lange von Bewegung und Leistungsbereitschaft geprägt: frühes Aufstehen, Kinder zur Schule bringen, Arbeit bis spät in die Nacht. „Heute würde ich das nicht mehr schaffen, aber meine beiden Kinder und mein Mann unterstützen mich jeden Tag aufs Neue. Ihre Hilfsbereitschaft ist einfach großartig.“
Dennoch bleibt sie aktiv. Besonders das Radfahren liebt sie. „Ich hasse es, überholt zu werden – deshalb habe ich jetzt ein E-Bike, ein richtiger SUV“, schwärmt sie lachend. Beim Radfahren spürt sie ihre Krankheit kaum: kein Zittern, keine Schmerzen, koordinierte Bewegungen. Auch das Malen gibt ihr Ruhe. In ihrem kleinen, selbst eingerichteten Atelier bemalt sie Jurasteinplatten mit Aquarellfarben. „Bei den feinen Pinselstrichen zittert nichts, auch nicht während der Off-Phase.“ Im nächsten Moment kann es jedoch sein, dass sie wie gelähmt ist und kaum aus dem Bett kommt.
Priv.-Doz. Dr. Jochim: „Dass Menschen mit dem klassischen Parkinsonsyndrom oft noch gut Radfahren können, obwohl sie manchmal nurmehr mit Trippelschritten gehen können, ist nicht selten. Letztlich ist es ja so, dass bei der Parkinsonkrankheit die Bewegungssteuerung gestört ist, die Muskeln aber im Prinzip normal funktionieren und keine Lähmung vorliegt, so dass Einzelbewegungen im Rahmen eines größeren Bewegungsmusters möglich sein können, im Rahmen eines anderen nicht. Daher funktioniert auch das Tanzen oder Tischtennis spielen oft noch erstaunlich gut. Sicherlich spielen Konzentration, Motivation und Emotionen hierbei auch eine wichtige Rolle. Zudem kommt es bei der Parkinsonkrankheit vorwiegend in Ruheposition der Hände zum Zittern, nicht aber, wenn sie eine Tätigkeit ausüben.“
Ihr Mann ist ihre größte Stütze, besonders in den Off-Phasen, in denen sie sich selbst kaum wiedererkennt. „Diese Krankheit nimmt einem alles – Schritt für Schritt bis zum Schluss“, sagt sie offen. „Ich hoffe, dass ich noch ein paar gute Jahre habe. Aber lieber fünf gute als 20 schlechte.“
Diagnose, Verlauf und moderne Therapie
Dass Christine Großhauser bereits mit Anfang 40 Parkinson haben soll, wollte zunächst niemand glauben – auch ihr Hausarzt war skeptisch. Sie blieb hartnäckig und ließ sich in Eichstätt und später in München neurologisch untersuchen. Als sich der Verdacht bestätigte, brach zunächst alles zusammen. „Mein Mann und ich saßen weinend auf dem Bett – sind dann aufgestanden und haben gesagt: Das packen wir. Weiter geht’s.“
Seit rund 18 Jahren wird sie von Dr. Stefan Brenner im MVZ des Klinikums Ingolstadt betreut. Viele Jahre befand sie sich in der sogenannten Honeymoon-Phase, in der sich die Erkrankung gut medikamentös einstellen ließ. Inzwischen nehmen die Off-Phasen zu, die Medikamenteneinnahme wird komplexer. Zusätzlich kam ein Bandscheibenvorfall hinzu, der aufgrund der Parkinson-Erkrankung nicht operiert wird.
Priv.-Doz. Dr. Jochim: „Leider ist die Parkinsonkrankheit eine fortschreitende, zum jetzigen Zeitpunkt unheilbare Erkrankung, wobei die Geschwindigkeit des Verlaufs sehr unterschiedlich sind. Gerade sehr früh Erkrankte können oft über Jahrzehnte recht gut mit der Krankheit leben, insbesondere wenn die Medikamente gut wirken. Durch die Behandlung können die Hauptbeschwerden wie eine Bewegungsverlangsamung, Muskelsteifigkeit und Zittern oft sehr effektiv unterdrückt werden, idealerweise in Kombination der Medikation mit körperlichem Training. Etwas schwieriger wird die Behandlung oft, sobald einige Jahre nach Beginn der Therapie sogenannte Wirkungsschwankungen auftreten. Das bedeutet, dass die Tabletten nur noch einige Stunden wirken und dann immer öfter am Tag eingenommen werden müssen. Zudem können sie zwischenzeitlich eine überschießende Beweglichkeit verursachen, sogenannte Dyskinesien. Manche Menschen leiden sehr unter diesem häufigen Wechsel zwischen guten und schlechten Phasen („ON“ und „OFF“), insbesondere wenn er unvorhersehbar auftritt und sie Sorge haben müssen, im nächsten Moment nicht mehr weitergehen zu können. Viele trauen sich daher kaum mehr aus dem Haus und meiden größere, aber auch kleinere Unternehmungen. In späten Stadien stehen oft andere Beschwerden im Vordergrund wie Kreislaufprobleme, Blasenstörung, Schluckstörungen mit all ihren Folgen (z.B. Lungenentzündungen), Probleme mit dem Schlafen oder auch Gedächtnisprobleme.“
Vor einigen Monaten machte Dr. Brenner sie auf das erweiterte Behandlungsangebot im Klinikum Ingolstadt aufmerksam. Seit September 2025 wird Christine Großhauser nun von Priv.-Doz. Dr. Angela Jochim mitbetreut. Dort stehen moderne Therapieoptionen wie Medikamentenpumpen oder die Tiefe Hirnstimulation zur Verfügung.
Priv.-Doz. Dr. Jochim: „Diese Therapieverfahren kommen vorwiegend für Patienten in Frage, die unter den zuvor geschilderten Wirkungsschwankungen leiden und deren Alltag trotz Einnahme zahlreicher Tabletten deswegen nicht mehr planbar ist.
Die Medikamentenpumpen bringen einen Wirkstoff von morgens bis abends oder durchgehend in den Körper, entweder über ein kleines Schläuchlein direkt unter die Haut (subkutan) oder über einen Schlauch durch die Bauchdecke in den Dünndarm. Dadurch wird ein gleichmäßiger Effekt über den ganzen Tag erzielt und die Patienten werden wieder unabhängig davon, Tabletten und Mahlzeiten in ausreichendem Abstand voneinander nach einem festen Schema einnehmen zu müssen. Auch die tiefe Hirnstimulation hebt das Grundniveau der Beweglichkeit dauerhaft deutlich an, so dass die Medikamenteneinnahme hierdurch oft um etwa 50 Prozent, manchmal sogar ganz reduziert werden kann. Viele Patienten haben nach Einsetzen des tiefen Hirnstimulators oft den Eindruck, dass die Erkrankung um fünf bis zehn Jahre „zurückgedreht“ wird und sie entsprechend mehr Zeit in guter Lebensqualität durch den Eingriff hinzugewinnen.
Die mikrochirurgische Operation zur Einbringung der Stimulationssonden ins Gehirn wird aktuell nicht in Ingolstadt durchgeführt, aber die Beratung und Nachsorge bzw. Programmierung des Stimulators wird in der Ambulanz des Klinikums angeboten.“
„Seit der Diagnose lebe ich viel intensiver, viel mehr aus dem Herzen“, sagt Christine Großhauser zum Abschluss. Auch wenn der Alltag inzwischen deutlich beschwerlicher geworden ist, die OFF-Phasen häufiger auftreten und zusätzliche Schmerzen ihre Beweglichkeit weiter einschränken, hat sie ihren Optimismus nicht verloren. „Ich war schon öfter ganz unten und habe es immer wieder geschafft, zurückzukommen. Der bevorstehende Frühling motiviert mich sehr.“ Freundinnen oder die Familie nimmt sie heute einfach mal so in den Arm – das hätte sie früher nie gemacht. Parkinson hat ihr vieles genommen, aber auch eines geschenkt: den Blick für das Wesentliche. Und den Mut, jeden guten Tag bewusst zu leben.
Im 2025 neu gegründeten Parkinson-Zentrum des Klinikums Ingolstadt werden Menschen mit Parkinsonsyndromen sektorenübergreifend betreut, das heißt: ambulant im Rahmen der Ermächtigungsambulanz (altersunabhängig), teilstationär in der Akutgeriatrischen Tagesklinik sowie stationär (Parkinsonkomplextherapie, diese ebenfalls altersunabhängig). Weitere Informationen und Terminvereinbarung unter Tel. (08 41) 8 80 – 2572 oder per Mail an nicole.bauch@klinikum-ingolstadt.de sowie auf der Website des Klinikums Ingolstadt: https://klinikum-ingolstadt.de/parkinson-zentrum/
Ihre Ansprechpartnerin für Rückfragen Kerstin Lunzner Unternehmenskommunikation und Marketing Tel.: (0841) 8 80-10 64 E-Mail: Kerstin.Lunzner@klinikum-ingolstadt.de



