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Regionale Identität ist kein Kostenfaktor

Regionale Identität ist kein Kostenfaktor
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Wenn politische Akteure mit regionaler Identität spielen, lohnt ein Blick in die jüngere Geschichte. Die frühen 1990er Jahre haben gezeigt, was passieren kann, wenn Zugehörigkeit, Selbstverständnis und gewachsene Strukturen als verhandelbare Effizienzgrößen behandelt werden.

Der bayerische Ministerpräsident erklärt dem Rest der Republik gern, wo es langzugehen hat. Das ist nicht neu – Bayern war nie für Bescheidenheit bekannt. Das selbstbewusste Auftreten gehört zur politischen Inszenierung, ebenso wie der Verweis auf ökonomische Stärke und administrative Effizienz.

In dieses Bild passt auch die wiederholt geäußerte Idee, Bundesländer zusammenzulegen. Politisch durchsetzbar ist ein solcher Vorschlag derzeit kaum, theoretisch denkbar bleibt er dennoch. Und genau darin liegt sein Problem: Denn auch unausgegorene Debatten entfalten Wirkung.

Bei näherem Hinsehen wird schnell klar, worum es dabei nicht geht. Die wirtschaftlich starken Länder stehen außer Frage. Gemeint sind andere: jene, die als klein, teuer oder ineffizient gelten. Namen müssen nicht genannt werden – die Zuschreibungen sind bekannt.

Begleitet wurde die Debatte zuletzt von einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts INSA. Weniger als vierzig Prozent der Befragten können sich grundsätzlich vorstellen, auf ein Bundesland zu verzichten. Innerhalb dieser Gruppe werden vor allem das Saarland und die Stadtstaaten genannt, danach folgen in auffälliger Häufung ostdeutsche Bundesländer. Als Reformargument taugt ein solches Stimmungsbild kaum – es zeigt jedoch, wie schnell sich ökonomische Kategorien mit alten geografischen und mentalen Trennlinien verbinden.

Vieles spricht dafür, dass aus diesen Gedankenspielen keine konkrete Politik wird. Stadtstaaten und westdeutsche Länder – so ineffizient sie auch sein mögen – verfügen über deutlich stärkere politische Durchsetzungskraft als der Osten; ihre Interessen werden Gehör finden. Der Osten kommt also noch einmal glimpflich davon.

Es ist doch längst bekannt, wie folgenreich Zusammenlegungen und strukturelle Umbrüche sein können, wenn sie ohne Anerkennung, ohne Respekt und nicht auf Augenhöhe erfolgen. Wenngleich es Anfang der 1990er Jahre um den Anschluss eines ganzen Staates ging und heute lediglich um das eine oder andere Bundesland, zeigt die Erfahrung, dass vermeintliche Effizienzgewinne mit einem hohen sozialen und biografischen Preis bezahlt werden.

Welche Auswirkungen das auf einzelne Menschen hat, ist keine abstrakte Frage, sondern eine erzählbare Realität. Der Roman Gorbatschow kieloben spielt 1992 in Rostock und schildert die Freundschaft zwischen einer ost- und einer westdeutschen Frau – Letztere stammt ausgerechnet aus Bayern. Die Geschichte macht sichtbar, was politische Entscheidungen oft ausblenden: dass Identität kein Verwaltungsproblem ist, sondern ein existenzieller Anker, dessen Verlust für die gesamte Gesellschaft furchtbare Folgen haben kann.

Der Roman erinnert daran, dass politische Prozesse immer auch Lebensgeschichten formen. Der Verlust von Zugehörigkeit lässt sich nicht verrechnen – und wer ihn unterschätzt, riskiert mehr als eine missglückte Reform.

Hat Ihnen der Impuls gefallen und Sie wollen mehr? Kontaktieren Sie uns, gerne auch mich direkt unter:

post@chris-hannesen.de

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Es grüßt Sie herzlich

Chris Hannesen, Journalistin und Autorin

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