Seit 15 Jahren auf dem Weg zur barrierefreien Hochschule
Pressemitteilung der Hochschule Bremerhaven vom 08. Juni 2026
Seit 15 Jahren auf dem Weg zur barrierefreien Hochschule
Offene Haltung gegenüber Inklusion prägt Campusleben
Ob Menschen mit Beeinträchtigungen uneingeschränkt und ohne fremde Hilfe Gebäude betreten können oder Zugang zu Informationen oder Lebensbereichen haben, ist eine Frage der Barrierefreiheit. Diese Möglichkeiten zur Teilhabe gehören zu den Menschenrechten. Seit rund 15 Jahren arbeitet die Hochschule Bremerhaven daran, so barrierefrei wie möglich zu werden. Mitarbeitende, Lehrende und Studierende engagieren sich in der AG Barrierefreie Hochschule und stoßen gemeinsam mit den zuständigen Abteilungen und Gremien wichtige Veränderungen an. Dabei werden auch Beeinträchtigungen bedacht, die nicht auf den ersten Blick sichtbar sind. Bald steht unter anderem ein reizarmer Rückzugs- und Ruheraum zur Verfügung.
Fahrstühle, Rampen und Türen, die sich automatisch öffnen – beim Thema Barrierefreiheit werden oft die Maßnahmen hervorgehoben, die Menschen mit Gehbeeinträchtigungen den Zugang zu Gebäuden ermöglichen. Doch eigentlich ist Inklusion deutlich umfassender und bezieht beispielsweise Seh- und Hörbeeinträchtigungen, psychische Erkrankungen und neurologische Entwicklungsstörungen wie Autismus oder ADHS ein. An der Hochschule Bremerhaven arbeiten daher verschiedene Abteilungen gemeinsam daran, Barrieren für betroffene Studierende, Mitarbeitende und Lehrende, aber auch für alle anderen Menschen abzubauen. „Wir wollen keine Nischen bedienen, sondern Lösungen finden, die allen helfen“, sagt Claudia Krieten, die als Beauftragte für inklusives Studieren Studierende mit Beeinträchtigungen berät. Sie erlebt in ihrem Arbeitsalltag eine grundsätzlich offene Haltung gegenüber Inklusion. „Es hat eine Sensibilisierung für das Thema stattgefunden, die deutlich zu spüren ist. Statt an starren Regeln festzuhalten, werden gemeinsam mit den Betroffenen Lösungen gesucht. Deshalb sind wir als kleine Hochschule auch schon so weit im Bereich Inklusion.“
Keine Sonderlösungen, sondern Normalität
Diese Erfahrung hat schon Dipl.-Inf. Dirk Hagelstein während seines Informatikstudiums in Bremerhaven gemacht. Er sitzt im Rollstuhl und kam zu einer Zeit an die Hochschule, als Barrierefreiheit eigentlich noch ein Randthema war. „Zu Beginn meines Studiums sollten viele meiner Lehrveranstaltungen in einem Gebäude ohne Fahrstuhl stattfinden. Schon nach einer Woche waren alle meine Vorlesungen ins Erdgeschoss verlegt worden, obwohl ich das nicht angesprochen hatte. Das hat mir gezeigt, dass hier ein Klima der Offenheit herrscht“, sagt er. Seit seinem Studienabschluss 2004 arbeitet Hagelstein als wissenschaftlich-technischer Angestellter im Labor für Elektronisches Lernen und Virtuelle Welten und ist als Schwerbehindertenvertreter ein wichtiger Ansprechpartner an der Hochschule. Er war dabei, als vor rund 15 Jahren erste Maßnahmen umgesetzt wurden, um den Campus barrierefrei zu gestalten. Inzwischen gibt es speziell im Baubereich zahlreiche Neuerungen, die Menschen den Zugang erleichtern. So wurden in den vergangenen Jahren nicht nur automatisierte Türen eingebaut, sondern unter anderem auch barrierefreie Wege angelegt und rollstuhlgerechte Toiletten und Fahrstühle installiert. Davon profitieren nicht nur Menschen mit Beeinträchtigungen. „Alles, was wir machen, folgt dem Motto: ein Design für alle. Wir wollen keine kostspieligen Sondereinrichtungen für bestimmte Gruppen, sondern etwas, das für alle funktioniert. So wird eine Sonderlösung zur Normalität“, sagt Dirk Hagelstein. Ein Beispiel sind die WC-Anlagen im Erdgeschoss von Haus V. Sie wurden als Unisex-Toiletten derart gestaltet, dass sie von jeder Person genutzt werden können, unabhängig davon, ob eine Beeinträchtigung vorhanden ist oder nicht. Dafür wurden die Plätze auf jeweils einen reduziert. Dadurch konnte auf enge Kabinen verzichtet werden. Gleichzeitig bieten sie eine Rückzugsmöglichkeit für Menschen, die aufgrund von chronischen Erkrankungen Probleme mit der Verdauung haben. Ein weiteres Beispiel für „ein Design für alle“ ist das Audiosystem, das kürzlich in den Hörsälen von Haus S in Betrieb genommen wurde.
Beratungsangebot für Studierende mit Beeinträchtigungen
Neben körperlichen Beeinträchtigungen gibt es auch solche, die unsichtbar bleiben, die Betroffenen aber nicht weniger belasten. Dazu gehören beispielsweise psychische Erkrankungen oder Entwicklungsstörungen wie Autismus oder ADHS. Auch hier bietet die Hochschule Unterstützung, zum Beispiel in Form von Nachteilsausgleichen. Welche Möglichkeiten es gibt, weiß Claudia Krieten. Sie berät als Beauftragte für inklusives Studieren individuell und schon vor dem Studienstart. Dabei geht es beispielsweise um alternative Prüfungsformen, spezielle Pausenregelungen oder Fristverlängerungen, damit der Studienerfolg nicht durch Beeinträchtigungen behindert wird. Auch für den Studienalltag werden Möglichkeiten gesucht, um auf spezielle Bedarfe einzugehen. „Ein schönes Beispiel ist der Rückzugs- und Ruheraum, der demnächst eröffnet wird. Es ist ein Ort zum Runterkommen für alle, denen die Umweltreize manchmal zu viel sind“, sagt Dr. Helga Schiwek, Leiterin der Abteilung Strategie und Hochschulplanung.
AG Barrierefreie Hochschule und StudiTalk bringen Inklusion voran
Um die Hochschule bei der Barrierefreiheit voranzubringen, wurde vor acht Jahren die AG Barrierefreie Hochschule gegründet. Sie ist aus einem Team entstanden, das bereits seit Januar 2018 durch Begehungen der Hochschulgebäude den Stand der Barrierefreiheit aufgenommen hat. Seit Oktober 2019 finden die Treffen regelmäßig statt und die Perspektive hat sich längst über den Bereich des Gebäudemanagements hinaus erweitert. 2020 hat die AG den Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention entworfen, der zeigt, wie die Hochschule Schritt für Schritt Barrieren abbauen, Chancengerechtigkeit fördern und Teilhabe für alle ermöglichen möchte. Auch das studentische Peer-to-peer-Angebot StudiTalk hat eine eigene Inklusionsgruppe, bei der sich Studierende über Barrieren austauschen. In einer Messengergruppe geben sie Informationen weiter. „Außerdem unterstützen wir auch als studentische Mitarbeitende bei der Gestaltung von Veranstaltungen und dabei, Inklusion mit unterschiedlichen Ansätzen an der Hochschule weiter voranzubringen, indem wir zum Beispiel den Aktionsplan der Hochschule Bremerhaven evaluieren und anpassen möchten“, sagt Laura Schröder vom StudiTalk „InkluZone“. So werden auch die Bedürfnisse der Studierenden gesehen und in die Planungen einbezogen. „Man achtet aufeinander. Das macht die besondere Atmosphäre an dieser Hochschule aus“, sagt Dr. Helga Schiwek. Inzwischen habe sich dies auch herumgesprochen. „Der Anteil der Studierenden mit Beeinträchtigung erhöht sich. Darüber freue ich mich“, so Dirk Hagelstein.
Offen für alle – Aktionstag am 10. Juni
Vor 13 Jahren hat die Hochschule Bremerhaven die Charta der Vielfalt unterzeichnet und sich damit öffentlich zu Diversität bekannt. 2024 wurde sie vom Stifterverband mit dem Zertifikat „Vielfalt gestalten“ ausgezeichnet. Inklusion von Personen mit Beeinträchtigung ist ein Aspekt davon. Am jährlichen Diversity Day können Hochschulangehörige an Workshops teilnehmen oder beispielsweise ein „Lunch im Dunkeln“ besuchen. Mit verbundenen Augen erleben sie dann, wie schwierig die Orientierung mit Sehbehinderung ist. Doch die Hochschule möchte nicht nur für ihre Mitarbeitenden und Studierenden inklusiv sein, sondern auch in die Gesellschaft hineinwirken. Aus diesem Grund lädt sie in unregelmäßigen Abständen zu Veranstaltungen ein, die für alle Interessierten offen sind. Die Nachfrage ist groß: Zu einem Vortrag über Autismus im vergangenen Jahr kamen mehr als vierzig Personen. „Wir wollen zeigen, dass es für Menschen mit Beeinträchtigungen eine berufliche Perspektive gibt und wir als Hochschule offen für alle sind“, so Claudia Krieten. Die nächste Veranstaltung steht bereits in den Startlöchern: Am 10. Juni findet ab 10 Uhr der Aktionstag „Offen für alle“ statt, bei dem nicht nur die Inklusionsarbeit der Hochschule vorgestellt, sondern auch bei einer inklusiven Campustour für Barrieren sensibilisiert wird.
Derzeit läuft die Bewerbungsphase für ein Studium an der Hochschule Bremerhaven. Die Bewerbungsfrist ist der 15. August. Weitere Informationen unter www.hs-bremerhaven.de/studium. Wer sich für ein Studium interessiert und körperlich oder psychisch beeinträchtigt ist, kann sich an per Mail an Claudia Krieten wenden: ckrieten@hs-bremerhaven.de">ckrieten@hs-bremerhaven.de. Wer sich für Diversität und Teilhabe an der Hochschule interessiert, findet Informationen unter www.hs-bremerhaven.de/ein-campus-fuer-alle. Außerdem findet am 10. Juni ein Aktionstag zum Thema Inklusion statt. Weitere Informationen unter www.hs-bremerhaven.de/offen-fuer-alle-aktionstag.
Mit Begeisterung studieren, lehren und forschen – dafür steht die Hochschule Bremerhaven. In mehr als 20 praxisnahen und innovativen Studiengängen profitieren die rund 3.000 Studierenden von der engen Zusammenarbeit mit der regionalen Wirtschaft und modernen Lehr- und Lernansätzen. Die zahlreichen Forschungsaktivitäten der „Hochschule am Meer“ wurden bereits vielfach ausgezeichnet und unterstützen nachhaltige Entwicklungen in der Region und darüber hinaus.
Pressekontakt: Hochschule Bremerhaven Nadine Metzler An der Karlstadt 8 27568 Bremerhaven nmetzler@hs-bremerhaven.de presse@hs-bremerhaven.de