Gesellschaftliche Ungleichheit reduzieren: Warum die Reichweite von Maßnahmen entscheidend ist
Gesellschaftliche Ungleichheit reduzieren: Warum die Reichweite von Maßnahmen entscheidend ist
Eine soziologische Studie der Universität zu Köln zeigt, dass Maßnahmen zum Ausgleich sozialer oder beruflicher Nachteile im Experiment wirksam sein können – und dennoch kaum zur Reduktion gesellschaftlicher Ungleichheit beitragen. Entscheidend ist, wen und wie viele Menschen die Maßnahmen in der Realität tatsächlich erreichen / Veröffentlichung in der „Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie“
Soziologische Fragen werden in der modernen Sozialforschung zunehmend mit Hilfe von Experimenten beantwortet. Etwa, ob Arbeitgeber bei der Personalauswahl diskriminieren, ob Zugewanderte in sozialen Situationen schlechter behandelt werden, oder ob Beratungsprogramme helfen, Bildungsungleichheiten zu überwinden. Eine neue Studie von Dr. Irena Pietrzyk und Professorin Dr. Marita Jacob am Department für Soziologie und Sozialpsychologie zeigt jedoch, dass die Befunde über die gesellschaftliche Wirklichkeit täuschen können. Zusätzlich haben die Autorinnen ein Onlinetool entwickelt, das anschaulich zeigt, wie stark gesellschaftliche Ungleichheiten zwischen Gruppen tatsächlich abnehmen können – abhängig davon, wie viele Menschen in der Realität Zugang zu einer Maßnahme erhalten. Die Studie „Die Bedeutung der Treatmentprävalenz: Zur Überwindung eines blinden Flecks in der experimentellen Ungleichheitsforschung“ erscheint in dem Sonderheft „Erklärung und Kausalität in der Soziologie“ der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie und ist schon jetzt online erhältlich.
Experimente sind gut geeignet, um zu messen, ob eine Maßnahme oder ein Mechanismus kausal wirkt. Wie viele Menschen aus verschiedenen sozialen Gruppen dieser Maßnahme im Alltag überhaupt ausgesetzt sind, wird in Experimenten in der Regel jedoch nicht erfasst. Die Forscherinnen nennen diesen Faktor treatment prevalence. „Ob eine Fördermaßnahme Ungleichheit verringert, hängt nicht nur davon ab, ob sie wirkt, sondern auch davon, wer daran teilnimmt“, sagt Marita Jacob. „Das wird in experimentellen Studien bislang kaum berücksichtigt.“
Die Forscherinnen illustrieren ihren Befund anhand von drei aktuellen Experimentalstudien. Zwei davon stammen aus der internationalen Forschungsliteratur, eine aus ihrer eigenen Arbeit.
Ein in Italien durchgeführtes Laborexperiment zeigte, dass Personen ohne Migrationsgeschichte Zugewanderte in einem Vertrauensspiel nicht weniger Vertrauen entgegenbringen als anderen. Dennoch könnten zugewanderte Menschen im gesellschaftlichen Alltag auf Gruppenebene seltener von prosozialem Verhalten profitieren, weil sie womöglich seltener in Vereinen und zivilgesellschaftlichen Strukturen aktiv sind und damit seltener von der Hilfsbereitschaft profitieren, die Menschen mit ehrenamtlichem Engagement entgegengebracht wird.
Eine experimentelle Studie mit fiktiven Bewerberprofilen in Deutschland und Italien ergab, dass weibliche Bewerberinnen auf Professuren nicht schlechter bewertet werden als ihre männlichen Kollegen. Doch weil Männer in der Wissenschaft häufiger Erstautorenschaften in Publikationen aufweisen als Frauen, kann auf Gruppenebene trotzdem eine strukturelle Ungleichheit entstehen – mit der Folge, dass Frauen seltener berufen werden.
In ihrer eigenen Forschung führten Pietrzyk und Jacob eine große Feldstudie in Nordrhein-Westfalen durch, die zeigte, dass intensive Studienberatung die Studienaufnahmequote von Schüler*innen aus weniger privilegierten Familien erhöht. Doch selbst ein wirksames Programm könnte Ungleichheiten verschärfen, wenn es zugleich auch die Studierneigung von privilegierten Schüler*innen fördert und in der Praxis vor allem diesen zugutekommt. Umgekehrt könnte es sein volles Potenzial entfalten, wenn es gezielt die erreicht, die Unterstützung beim Hochschulzugang am meisten brauchen.
Um Forschenden und Praktiker*innen zu helfen, diese Zusammenhänge systematisch zu analysieren, haben Pietrzyk und Jacob ein interaktives, kostenlos zugängliches Visualisierungstool entwickelt. Es ermöglicht es, zu simulieren, wie unterschiedliche Zugangsmuster gesellschaftliche Ungleichheiten beeinflussen.
„Die Botschaft für die Praxis ist klar“, resümiert Irena Pietrzyk. „Wer Ungleichheiten ernsthaft bekämpfen will, muss nicht nur fragen, ob eine Maßnahme wirkt, sondern sicherstellen, dass sie die richtigen Menschen erreicht.“
Inhaltlicher Kontakt:
Department für Soziologie und Sozialpsychologie der Universität zu Köln
Dr. Irena Pietrzyk
Professorin Dr. Marita Jacob
Visualisierungstool:
http://doi.org/10.5281/zenodo.18627890
Presse und Kommunikation: Eva Schissler +49 221 470 4030 e.schissler@verw.uni-koeln.de
Chief Communications Officer: Dr. Elisabeth Hoffmann +49 221 470 2202 e.hoffmann@verw.uni-koeln.de
V.i.S.d.P.: Dr. Elisabeth Hoffmann