Otto-Friedrich-Universität Bamberg
PM: Studie zu Lohnfortzahlung und Präsentismus
Lohnfortzahlung macht einen Unterschied, ob Beschäftigte krank zur Arbeit gehen
Europaweite Studie zeigt: Großzügigere Regelungen gehen mit weniger Präsentismus einher
Während in Deutschland und anderen europäischen Ländern über hohe Krankenstände und mögliche Einschränkungen der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall diskutiert wird, lenkt eine neue Studie den Blick auf einen bislang oft übersehenen Aspekt: Präsentismus. Präsentismus bezeichnet das Verhalten von Beschäftigten, trotz gesundheitlicher Beschwerden zur Arbeit zu gehen.
Ein Forschungsteam um den Bamberger Soziologen Prof. Dr. Marvin Reuter hat untersucht, wie gesetzliche Regelungen zur Lohnfortzahlung mit Präsentismus zusammenhängen. Für die Studie analysierten Marvin Reuter sowie seine Koautorinnen und Koautoren Tabea Gau, Sophie-Charlotte Meyer und Sascha Alexander Ruhle Daten von knapp 20.000 Beschäftigten aus 35 europäischen Ländern. Diese Daten verknüpften sie mit den jeweiligen nationalen Regelungen zur Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Länder galten als besonders großzügig, wenn Beschäftigte ab dem ersten Krankheitstag mindestens 80 Prozent ihres Lohns für mindestens zwei Wochen erhalten.
Bislang größte europäische Untersuchung zum Thema
Die Ergebnisse zeigen: Beschäftigte in Ländern mit großzügiger Lohnfortzahlung arbeiten seltener, wenn sie krank sind. Der Anteil der Krankheitstage, an denen Beschäftigte trotz Beschwerden zur Arbeit gehen, lag dort im Durchschnitt um acht Prozentpunkte niedriger als in europäischen Ländern ohne großzügige Regelungen zur Lohnfortzahlung. Zudem zeigten sich deutliche Unterschiede im Präsentismusverhalten zwischen den europäischen Ländern. Während Beschäftigte in Deutschland an 21 Prozent ihrer Krankheitstage weiterarbeiten, liegt dieser Anteil in Spanien, Frankreich und dem Vereinigten Königreich bei über 55 Prozent. Unterschiede in der gesetzlichen Lohnfortzahlung tragen dabei neben weiteren Faktoren zur Erklärung dieser länderspezifischen Unterschiede bei. Bislang lagen zum Zusammenhang zwischen Lohnfortzahlung und Arbeiten trotz Krankheit vor allem Untersuchungen aus einzelnen Ländern oder Vergleiche weniger Staaten vor. Die neue Studie ermöglicht einen europaweiten Blick auf den Zusammenhang zwischen Lohnfortzahlung und Arbeiten trotz Krankheit.
Wenn finanzielle Einbußen eine Rolle spielen
„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die Ausgestaltung der Lohnfortzahlung eine Rolle dafür spielt, ob Menschen krank zur Arbeit gehen“, sagt Prof. Dr. Marvin Reuter, Juniorprofessor für Soziologie mit Schwerpunkt Arbeit und Gesundheit an der Universität Bamberg. „Wer finanzielle Einbußen befürchten muss, entscheidet sich möglicherweise häufiger dafür, trotz Krankheit zu arbeiten.“ Besonders deutlich zeigte sich der Zusammenhang bei älteren Beschäftigten, Menschen mit finanziellen Schwierigkeiten sowie Beschäftigten in ungelernten Tätigkeiten. Auch in der Industrie und der öffentlichen Verwaltung fiel der Einfluss der Lohnfortzahlung auf das Arbeiten trotz Krankheit stärker aus.
Mehr als eine Frage der Fehlzeiten
Die Forschenden sehen darin einen wichtigen Hinweis für die aktuelle gesundheitspolitische Debatte: Diskussionen über die Lohnfortzahlung konzentrierten sich häufig allein auf Krankenstände und Fehlzeiten. Die Ergebnisse legten jedoch nahe, auch die Folgen von Präsentismus zu berücksichtigen. Denn: Wer trotz Krankheit arbeite, riskiere nicht nur eine verzögerte Genesung und langfristige gesundheitliche Folgen. Insbesondere bei Infektionskrankheiten steige zudem das Risiko, Kolleginnen und Kollegen anzustecken.
Die Studie wurde in der Fachzeitschrift European Journal of Public Health veröffentlicht und ist frei zugänglich.
Publikation:Reuter, M., Gau, T., Meyer, S.-C. & Ruhle, S. A. (2026). Variation in presenteeism by generosity of statutory sick pay: a multilevel analysis in 35 European countries. European Journal of Public Health, Volume 36, Issue 4, August 2026. DOI: https://doi.org/10.1093/eurpub/ckag093
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