Wie Eltern Kinder in geschlechtstypische Sportarten lenken , PI 57/2026
Ein Dokument
Wie Eltern Kinder in geschlechtstypische Sportarten lenken
Welchen Sport Eltern betreiben, beeinflusst die Wahl einer Sportart durch ihre Kinder. Eine aktuelle Studie der Universitäten Konstanz und Koblenz zeigt, wie die elterliche körperliche Betätigung die Geschlechtertrennung im Sport verstärkt. Darauf hat der Bildungsgrad der Eltern keinen Einfluss.
Jungen, deren Väter körperlich aktiv sind, wählen oft männerdominierte Sportarten wie Fußball oder Kampfsport. Dagegen sind Mädchen, deren Mütter Sport betreiben, häufiger nur in frauendominierten Sportarten wie Tanzen oder Turnen aktiv. Das ist das zentrale Ergebnis einer neuen Studie von Forschenden der Universitäten Konstanz und Koblenz, erschienen im European Journal for Sport and Society. Als „frauendominiert“ stuft die Studie Sportarten mit einem Männeranteil von bis zu 40 % ein, als „männerdominiert“ solche mit einem Männeranteil von über 60%. Lag der Männeranteil zwischen 40% und 60%, wird in der Studie der Begriff „geschlechtsneutral“ verwendet.
„Wenn beide Eltern Sport treiben, üben Jungen seltener männerdominierte Sportarten aus und weichen stattdessen auf geschlechtsneutrale Sportarten aus“, erklärt Thomas Hinz, Professor für Empirische Sozialforschung an der Universität Konstanz, einen weiteren Befund der Studie. „Bei Mädchen zweier sportlicher Eltern ändert sich dagegen nichts an ihrer Sportartenwahl.“
Die Studie von Leandro Iván Canzio, Hagen Wäsche und Thomas Hinz basiert auf Daten der Motorik-Modul-Studie (MoMo), einer der umfassendsten Längsschnittuntersuchungen zur körperlichen Fitness, zum Bewegungsverhalten und zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Die Analysen umfassen 9.226 Kinder und Jugendliche im Alter von 4 bis 17 Jahren über vier Erhebungswellen von 2003 bis 2021.
Zentrale Befunde
- Jungen sind 3,8 Prozentpunkte häufiger ausschließlich in männerdominierten Sportarten aktiv, wenn nur ihr Vater körperlich aktiv ist.
- Mädchen sind 3,7 Prozentpunkte häufiger ausschließlich in frauendominierten Sportarten aktiv, wenn nur ihre Mutter körperlich aktiv ist.
- Wenn beide Elternteile körperlich aktiv sind, zeigt sich kein Unterschied im Sportartenwahlverhalten gegenüber Familien, in denen kein Elternteil aktiv ist – ein bemerkenswerter Nullbefund.
- Die Geschlechtersegregation im Sport ist über fast zwei Jahrzehnte stabil geblieben (Duncan-Index: 0,33-0,39 in den Wellen 2003-2021).
- 38% der Jungen betreiben ausschließlich männerdominierte Sportarten; 34% der Mädchen ausschließlich frauendominierte Sportarten.
- Fußball bleibt stark männerdominiert (87-89% männliche Teilnehmende); Reitsport und Tanzen bleiben stark frauendominiert (> 90% weiblich).
- Jungen mit zwei hochgebildeten Eltern sind 4,3 Prozentpunkte seltener in männerdominierten Sportarten aktiv, weichen aber in Richtung geschlechtsneutraler Sportarten aus.
- Für Mädchen geht eine höhere Elternbildung nicht mit einer häufigeren Beteiligung an männerdominierten Sportarten einher.
Politische Implikationen
Die Ergebnisse können für die Sport- und Gesundheitspolitik eine große Rolle spielen. Geschlechtersegregation im Jugendsport spiegelt nicht nur individuelle Präferenzen wider — sie wird maßgeblich durch elterliches Verhalten und innerfamiliär vermittelte soziale Normen geprägt. Da die Segregation seit fast zwei Jahrzehnten stabil ist, reicht demographischer Wandel allein, etwa steigende Bildungsabschlüsse, offenbar nicht aus, um tief verwurzelte Muster zu durchbrechen.
Maßnahmen zur Reduktion von Geschlechtersegregation könnten im Sport wirksamer sein, so die Autoren der Studie, wenn Eltern aktiv in körperliche Aktivität einbezogen werden und nicht nur auf die Förderung geschlechtergerechter Einstellungen gesetzt wird. „Väter zu ermutigen, ein breiteres Sportartenspektrum zu pflegen, einschließlich nicht traditionell männerdominierter Aktivitäten, könnte die Vielfalt der Sportartenwahl ihrer Söhne erweitern“, sagt Erstautor Leandro Iván Canzio. „Ebenso könnten gezielte Programme, die Müttern die Teilnahme an gemischten Sportformen ermöglichen, den verstärkenden Effekt auf die geschlechtstypische Partizipation ihrer Töchter mindern.“
Über die MoMo-Studie
Die Motorik-Modul-Studie (MoMo) ist Deutschlands größte nationale Längsschnittstudie zur motorischen Entwicklung, körperlichen Aktivität und Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Sie wird seit 2003 auf Basis einer geschichteten, mehrstufigen Zufallsstichprobe durchgeführt, die repräsentativ für 4- bis 17-Jährige in Deutschland ist. Die Universität Konstanz (Thomas Hinz) ist Verbundpartner in der aktuellen Studienphase MoMo 2.0 (2023–2026) gemeinsam mit dem Karlsruher Institut für Technologie (Verbundleitung: Alexander Woll/ Claudia Niessner), der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe und der Humboldt-Universität zu Berlin. Die Studie wird vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert.
MoMo liefert einzigartige hochwertige Längsschnittdaten, die objektive Fitnessmessungen, Akzelerometrie und detaillierte Fragebogeninformationen zu Bewegungsverhalten, soziodemographischen Merkmalen und Gesundheitsoutcomes kombinieren. Mit Daten über fast zwei Jahrzehnte und mehrere Erhebungswellen gehört MoMo zu den umfassendsten Grundlagen für evidenzbasierte Sport- und Gesundheitspolitik in Deutschland.
Faktenübersicht:
- Originalpublikation: Canzio, L. I., Wäsche, H., & Hinz, T. (2026). Gender segregation in sport participation among children and adolescents: the influence of parental education and physical activity. European Journal for Sport and Society. https://doi.org/10.1080/16138171.2026.2665908
- Autoren: Leandro Iván Canzio, Soziologe und akademischer Mitarbeiter (in der AG Strauß) der Universität Konstanz, Sportwissenschaftler Hagen Wäsche von der Universität Koblenz und Thomas Hinz, Professor für Empirische Sozialforschung an der Universität Konstanz und Mitglied des Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“
- Zentrales Ergebnis: Jungen, deren Väter körperlich aktiv sind, wählen oft exklusiv männerdominierte Sportarten wie Fußball oder Kampfsport. Mädchen dagegen, deren Mütter körperlich aktiv sind, betreiben häufiger ausschließlich frauendominierte Sportarten wie Tanzen oder Turnen.
- Presseinformation: Universität Konstanz, unterstützt durch KI
Kontakt: Universität Konstanz Kommunikation und Marketing E-Mail: kum@uni-konstanz.de
- uni.kn