WDR Westdeutscher Rundfunk

DIE GROSSEN KRIMINALFÄLLE
ein Film von Michael Gramberg
WDR Fernsehen
Freitag 20. April 2001, 23.00 Uhr

    Köln (ots) -
    
    Lebenslänglich für Vera Brühne
    
    Sie ist noch immer eine attraktive Frau. Eine, die mit 90 Jahren
ihr Schweigen bricht und Gerechtigkeit fordert: "Warum ist mir das
passiert? Was war die Voraussetzung für so ein furchtbares Leben?"
Tagtäglich habe sie sich das gefragt, erzählt Vera Brühne heute. All
die Zeit, die sie als "Lebenslängliche" im Frauengefängnis Aichach
inhaftiert war. 1979, nach 18 Jahren Haft, wurde sie vom damaligen
bayerischen Ministerpräsident Franz-Josef Strauß begnadigt.
    
    Vera Brühne kann bis heute nicht begreifen, warum sie vor 40
Jahren verurteilt wurde. Gemeinsam mit ihrem Bekannten Johann Ferbach
soll sie im April 1960 den Münchner Arzt Dr. Otto Praun und seine
Geliebte Elfriede Kloo ermordet haben. Lebenslänglich, lautete das
Urteil des Schwurgerichts im Juni 1962. Es war der Aufsehen
erregendste Prozess der Bundesrepublik. Täglich drängelten sich
Tausende von Schaulustigen vor dem Münchner Gerichtsgebäude: Brave
Hausfrauen, biedere Bürger und Reporter. Sie warteten auf die
hochgewachsene, schöne, blonde Frau, von der die Boulevardpresse
schrieb, sie sei eine geldgierige Lebedame. Wochenlang wurde die
Öffentlichkeit mit immer neuen Details aus dem angeblich so
verruchten Leben der Vera Brühne gefüttert. Die Geliebte Prauns soll
sie gewesen sein. Auf eine Villa in Spanien soll sie es abgesehen
haben. Das Urteil über sie war in der Öffentlichkeit längst
gesprochen, noch bevor der Schwurgerichtsprozess richtig begonnen
hatte.
    
    Nichts davon sei wahr, sagt Vera Brühne damals wie heute. "Ich war
von der Presse schon für schuldig erklärt worden, das Gericht konnte
sich von dieser Vorverurteilung nicht befreien." Verbittert über all
die Lügen, die über sie damals verbreitet wurden, zog sie sich
zurück, verweigerte seit damals jede Stellungnahme. Jetzt hat sie ihr
Schweigen gebrochen und dem WDR in einem ausführlichen Interview ihre
Geschichte erzählt- zum ersten Mal seit ihrer Begnadigung 1979. Nach
wie vor beteuert Vera Brühne, inzwischen 90 Jahre alt, ihre Unschuld.
Naiv sei sie gewesen. Eine einfache Hausfrau, die nicht verstehen
konnte, wie sie da hineingeraten war.
    
    Die Ermittlungen wurden schlampig geführt, der Prozess enthielt
zahllose Ungereimtheiten. Der Film von Michael Gramberg deckt
Widersprüche und platte Lügen im Urteilsspruch von 1962 auf.
Offensichtlich hat Vera Brühne 18 Jahre lang unschuldig hinter
Gittern verbracht, wurde Opfer eines politischen Komplotts, bei dem
die wahren Mörder im Verborgenen blieben. Dr. Otto Praun, den Vera
Brühne gemeinsam mit ihrem Bekannten Johann Ferbach im April 1960
ermordet haben soll, hatte sein erhebliches Vermögen keineswegs als
Arzt erwirtschaftet, sondern als Waffenhändler im Dienst des
Bundesnachrichtendienstes. Hinweise, dass die Mörder im Auftrag des
BND handelten, gedeckt vom damaligen Bundesverteidigungsministerium
unter Franz-Josef Strauß, sind bis heute nicht schlüssig widerlegt
worden. Recherchen von Journalisten und Bundestagsabgeordneten wurden
behindert, ein Wiederaufnahmeverfahren abgelehnt.
    
    Fast vierzig Jahre nach dem Aufsehen erregenden Mordprozess will
Vera Brühne endlich Gerechtigkeit.
    
    Wiederholung vom 11. Mai 2000, ARD
    
    Weitere Sendetermine:
    27.4. 2001Rosemarie Nitribitt - Tod einer Hure
      4.5. 2001Der Kindermörder Jürgen Bartsch
    
    
    Redaktion Gudrun Wolter
    
    
ots Originaltext: WDR
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