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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zum Streit um Glyphosat

Bielefeld (ots) - Wenn Wissenschaftler streiten, ist der Verbraucher der Geschädigte. Der Laie kann Argumente nicht prüfen, sondern lediglich glauben - und vielleicht die Autorität der Institutionen zum Kriterien für seine Meinung machen. Glyphosat ist so ein Fall. Die einen halten das Herbizid für echtes Teufelszeug, das Rückstände in Nahrungsmitteln hinterlässt, die so in den menschlichen Körper gelangen. Die anderen loben das Wundermittel als Präparat gegen die Vernichtung ganzer Ernten - und damit als einen Beitrag im Kampf gegen den Hunger in der Welt. Der Verdacht, das Mittel könne aber am Ende krebserregend sein, wiegt schwer. Als vor wenigen Wochen 100 Wissenschaftler einen Brandbrief an die Brüsseler EU-Kommission schrieben, geschah dies nicht leichtfertig. Nur was soll die Zulassungsbehörde denn machen? Auch sie sitzt zwischen allen Stühlen. Ohne den 28 Kommissaren zu nahe treten zu wollen - das Team um Präsident Jean-Claude Juncker muss seinen Experten folgen. Und die sehen bestenfalls ein zu vernachlässigendes Risiko. Würde sich die Kommission gegen ihre eigene Lebensmittel-Agentur stellen, könnte sie diese auch gleich auflösen. Doch das Problem liegt tiefer. Immer häufiger sehen sich die Verbraucher mit Warnungen und Mahnungen wie nun im Fall von Glyphosat konfrontiert, die sie nicht wirklich sachgerecht bewerten können. Sie müssen vertrauen und sich auf Expertenmeinungen verlassen. Das mag in anderen Fällen sogar hinnehmbar sein, weil der Kunde durchaus die Wahl hat, sich für oder gegen ein Produkt zu entscheiden. Glyphosat aber ist da. Es ist zum Bestandteil der Nahrungskette geworden und wird aufgenommen. Wir können uns dagegen nicht wehren. Diese Tatsache, die niemand bestreitet, verändert die Gewichtung im Streit der Experten. Weil sie die Verantwortung dafür tragen, ob ein solcher Stoff weiter ausgebracht werden darf oder nicht. Für die staatliche Risikobewertung tut sich damit ein Dilemma auf, das eine neue Kategorie nötig macht. Denn es gibt nicht nur die Wahl zwischen Zulassung und Stopp, sondern auch das Prinzip »Im Zweifel Nein«. Wenn wissenschaftliche Erhebungen zu völlig konträren Ergebnissen kommen, begründet dies eine besondere Verantwortung: Dann müssen Behörden schützen. Und sich weitere Gutachten beschaffen, die auf breitere, gründlicherer oder umfänglicherer Grundlage erstellt werden. Bei Risiken mag man über unterschiedliche Wege streiten. Bei Gefahren, die nicht ausgeschlossen und vom Verbraucher auch gar nicht verhindert werden können, müsste die höchste Vorsicht walten. Es mag sein, dass Glyphosat ein wichtiges Hilfsmittel für die Landwirtschaft ist. Aber so lange eine Krebsgefahr nicht wissenschaftlich fundiert ausgeschlossen werden kann, bleibt die Verlängerung der Zulassung ein Fehler.

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