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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zum Pressekodex

Bielefeld (ots) - Die Silvesternacht hat viel verändert in Deutschland. Politik und Polizei müssen erklären, warum der Sicherheitsapparat in Köln und anderswo eklatant versagt hat. Auch die Medien sehen sich kritischen Fragen ausgesetzt: Warum wurde erst spät über die massenhaften Übergriffe berichtet? Die mitschwingende und in den sogenannten sozialen Netzwerken unverblümt geäußerte Unterstellung: Journalisten ließen sich von der Politik gängeln und seien willfährige Wahrheitsverdreher - vor allem, wenn es um Flüchtlinge geht. Dass es Reporter waren, die das wahre Ausmaß der Kölner Gewaltnacht aufdeckten und die auch die Vorfälle im Bielefelder Bahnhofsviertel ans Licht brachten, zählt nicht. Die journalistische Rechercheleistung wird vielmehr ins Gegenteil verkehrt: Na, die konnten die Wahrheit wohl nicht länger unter der Decke halten! So lautet die Interpretation der Allesanzweifler, die sich ihre Wirklichkeit vornehmlich aus Vorurteilen zusammenzimmern. Da scheint es ins Bild zu passen, dass der Presserat nun ausdrücklich jene Passage im Pressekodex bestätigt, die dazu ermahnt, die Herkunft von Straftätern nur in begründeten Fällen zu benennen. Aha, es stimmt also doch: Die Presse legt sich selbst Fesseln an! So werden sich diejenigen bestätigt sehen, die fest an eine Verschwörung der »Lügenpresse« glauben wollen. Wer so argumentiert, sitzt gleich mehreren Irrtümern auf: Der Pressekodex ist keine Vorschrift, mit der irgendein Verbot verbunden wäre. Der Kodex wird auch nicht vom Gesetzgeber erlassen, sondern ist eine Empfehlung, die der Presserat als freiwilliges Selbstkontrollorgan her-ausgibt. Jede Redaktion trifft die Entscheidung darüber, ob die Nationalität oder der Aufenthaltsstatus in Zusammenhang mit Straftaten genannt werden, im Einzelfall immer wieder neu - oft nach intensiver Diskussion. Das bedeutet nicht, dass Journalisten die Wahrheit gepachtet haben. Fehlinformation und mangelnde Recherche können zu falschen Berichten führen. Presse und Rundfunk dürfen solche Fehler nicht verschweigen, sondern müssen sich dem Diskurs stellen, wenn sie den selbst ernannten Besserwissern entgegentreten wollen. Journalisten, Verleger und Intendanten müssen klarmachen: Ihre Arbeit bildet das demokratische Bollwerk gegen den stinkenden Strom aus Hass und Gerüchten, der sich durch die elektronischen Kanäle wälzt. »Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten«: Dazu hat der Tagesthemen-Moderator Hanns Joachim Friedrichs seinen Zunftkollegen schon vor langer Zeit geraten. Dem ist bis heute nichts hinzuzufügen.

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