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Westfalen-Blatt: zum 5000-Euro-Limit

Bielefeld (ots) - Ich habe nachgezählt. In meinem Portemonnaie sind derzeit 63,54 Euro. Das ist aktuell einiges weniger als die 103 Euro, die der durchschnittliche Deutsche an Bargeld mit sich herumträgt. Wie viel ist es bei Ihnen? Das geht die Zeitung nichts an? Recht haben Sie! Zur grundgesetzlich geschützten Freiheit gehört, dass nicht jeder weiß, was der andere mit seinem Geld macht. Zwar geben Millionen mit ihrer Teilnahme an Deutschland-Card, Payback, BSW, Paypal, ClickandBuy und anderen Programmen diese Informationen freiwillig preis. Aber noch ist keines der Systeme allumfassend. Deutsche sind im Vergleich zu anderen Nationen besonders widerständig, was den Verzicht auf Bargeld betrifft. Kartenzahlungen haben erst einen Anteil von etwa 20 Prozent. Natürlich spielt auch der größere Aufwand eine Rolle. Doch muss die Liebe zum Bargeld hierzulande größere Wurzeln haben. Sonst wären nicht noch immer fast 13 Milliarden D-Mark irgendwo in Ställen, Schränken oder Kopfkissen versteckt. In jüngster Zeit aber häufen sich die Versuche, den Deutschen einzureden, wie unbequem Münzen und Scheine seien. Die Händler in der Stadt Kleve spielen den Vorreiter bei dem Versuch, zunächst die Ein- und Zwei-Cent-Stücke aus dem Verkehr zu ziehen. John Cyran, der neue Deutsche-Bank-Chef, erklärt Bargeld zum Auslaufmodell und setzt es sozusagen auf die »Rote Liste«. Und nun will die Bundesregierung auch noch Barzahlungen in der Höhe begrenzen. Schon fragt man sich nach dem nächsten Schritt. Eine Dokumentationspflicht für alle Zahlvorgänge? Oder eine Begrenzung des privaten Bargeldbestandes? Schließlich ist die jetzt anvisierte Obergrenze von 5000 Euro relativ leicht zu umgehen - in dem aus einem Bezahlvorgang für ein Auto, eine Küche oder ein großes Familienfest zwei oder drei gemacht werden. Vorteile von einem Limit erhofft sich der Staat. Wenn nur bargeldlos bezahlt wird, können neben der Beute aus Verbrechen auch Einnahmen aus Schwarzarbeit nicht mehr so einfach in den Geldkreislauf eingebracht werden. Das freut Innen- und Finanzminister. Und es stimmt: Wo Freiheit herrscht, gibt es die Gefahr des Missbrauchs. Für den Handel bedeutet bargeldloses Bezahlen weniger Aufwand, weniger Personal - und weniger Kosten. Vorteile erhoffen sich nicht zuletzt aber die Banken. Wenn die Guthabenzinsen gegen Null gehen, gibt es eigentlich keinen Grund mehr, Geld noch zu den Geldinstituten zu tragen. Hinzu kommt, dass sie nur bei bargeldlosen Zahlungen verdienen. Und schließlich zeigt die Entwicklung in den USA, wo viele gleich mehrere Kreditkarten besitzen, dass Geld umso leichter aus der Hand gegeben wird, als das Fehlen im Portemonnaie nicht sofort festzustellen ist. Der private Schuldenberg in den USA von zwölf Billionen Dollar, der 2007 den Ausbruch der Weltfinanzkrise mitverantwortet hat, sollte Warnung genug sein.

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