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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu China

Bielefeld (ots) - Wirtschaft ist anders als Ehe. Letztere geht davon voraus, dass man sein Herz nur an einen oder eine bindet. Dagegen gilt für Unternehmer und Anleger, dass sie ihr Geld besser nicht nur in ein Produkt oder in einen Markt investieren. Wie wichtig diese Regel ist, zeigt sich jetzt wieder am Beispiel China. Hätten sich alle daran gehalten, wäre aktuell das Erschrecken über die leichte Wachstumsschwäche im Reich der Mitte nicht so groß. Immerhin liegt China auch mit einem Plus von nur 6,6 oder 6,8 Prozent noch weit vor den meisten anderen Volkswirtschaften. Die China-Maschine erzeugt weniger, aber immer noch viel Dampf - bislang noch genug, um den sozialen Frieden aufrecht zu erhalten. Dass die Börsianer außerhalb Chinas dennoch so erschraken, hängt damit zusammen, dass viele vorher wie Drogenabhängige alles Glück der Welt von diesem einen großen Motor erwartet haben. Schon die große Zahl von 1,35 Milliarden hungrigen Verbrauchern hat nach wie vor eine berauschende Wirkung. Hinzu kommt die scheinbare Stabilität eines Systems, in dem das Meiste zentral gesteuert und durch keine Demokratie verumständlicht und verwässert wird. Warnungen gab es genug. Einen Motor, der wie ein Perpetuum mobile läuft und läuft, gibt es nicht. Weiter sind Chinas Arbeiter nicht diese Roboter, wie sie vielfach noch im Westen gesehen werden. Auch Chinesen wollen mehr verdienen. So sind einige Industrien wie Textil und Schuhe schon zu beachtlichen Teilen aus China abgewandert. Der Trend setzt sich fort. Und das ist gut so, denn die Staaten, die wie Türkei, Rumänien, Vietnam, Indonesien, Malaysia, Indien und Bangladesch davon profitieren, drehen im Augenblick zumindest höher als der Durchschnitt der Weltwirtschaft. Die alten Industriestaaten in Amerika, Europa und Ostasien sind froh, wenn sie ein oder zwei, höchstens drei Prozent Wachstum realisieren. Am tiefsten abgesackt sind Russland und Brasilien. Wenn sich jetzt noch einige der politischen Krisenherde im Nahen Osten und Osteuropa verschärfen, sieht es bald ganz duster aus für die Weltwirtschaft. Den Vorwurf, sich zu lange wie Drogenabhängige verhalten zu haben, müssen sich nicht nur Firmen, sondern auch Regierungen gefallen lassen. Überall wird es versäumt, die Verschuldung spürbar zu reduzieren. Die Welt ist geneigt, China unlautere Maßnahmen zu verzeihen, wenn so Stabilität erhalten bleibt. Selbstverständlich widerspricht die Abwertung der chinesischen Landeswährung dem Spiel der freien Kräfte und der Politik Chinas in den vergangenen Jahren - genauso wie staatliche Unterstützung von Großunternehmen. Doch weil das die Wirtschaft des Landes im Allgemeinen und den Export im Besonderen stützt, hält selbst der US-Präsident weitgehend still. Dabei wäre ein deutliches Wort hilfreich, damit nicht andere ebenfalls in den Teufelskreis der Abwertungen einsteigen.

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