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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zum Germanwings-Absturz

Bielefeld (ots) - Emotionen prägen die öffentliche Diskussion um das Schmerzensgeld, das Lufthansa den Hinterbliebenen des Germanwings-Absturzes angeboten hat - und das einige Betroffene als zu gering ablehnen.

Das Unvorstellbare, der Massenmord an 149 Passagieren und Crewmitgliedern durch einen Copiloten, verstellt dem einen oder anderen Hinterbliebenen möglicherweise den Blick auf die Wirklichkeit. Pro Opfer will Lufthansa 25 000 Euro Schmerzensgeld für die Todesangst zahlen, die die Reisenden in den letzten Minuten ihres Lebens hatten. Eine so hohe Summe könnten die Hinterbliebenen wahrscheinlich vor keinem deutschen Gericht erstreiten. 2013 schlug ein Mann am Strand von Juist eine Studentin, strangulierte sie mit einem Tuch und drückte ihren Kopf in den Sand, bis sie erstickte. Die Richter hielten 15 000 Euro für Schmerzen und Todesängste der Frau für angemessen und sprachen den Erben diese Summe 2014 zu.

Die von Lufthansa angebotenen 25 000 Euro sollen nur den Schmerz der verstorbenen Opfer anerkennen. Für den Schmerz der Hinterbliebenen bietet die Fluggesellschaft weiteres Geld - 10 000 Euro für jeden direkten Angehörigen. Das ist großzügig, denn generell bekommt man in Deutschland für den Tod eines Verwandten überhaupt kein Schmerzensgeld. Es sei denn, der Schmerz ist so groß, dass er zu einem eigenen Krankheitsbild führt, was aber nur sehr selten vorkommt.

Zu den von Lufthansa vorgeschlagenen Schmerzensgeldbeträgen kommt der Schadensersatz. 50 000 Euro hat jede Familie schon pauschal erhalten, die endgültige Summe wird für jedes Opfer individuell berechnet. So werden Eltern, die ein Kind verloren haben, vor allem die Beerdigungskosten und die Kosten einer Psychotherapie gelten machen können. Kinder dagegen, deren Eltern bei dem Absturz umgekommen sind, haben ganz andere Ansprüche: Ihr täglicher Lebensunterhalt, ihre Ausbildung - alles das wird die Versicherung der Lufthansa auf Jahre übernehmen.

Umso verstörender wirkt es, wie einige Eltern der getöteten Schüler aus Haltern jetzt den Begriff Schadensersatz auslegen. In ihrem offenen Brief vom 20. Juli an Lufthansa-Chef Carsten Spohr fordern sie eine Entschädigung »für die Zeit und das Geld, das wir für die Jahre unserer Kinder verwendet haben«. Außerdem verlangen die Eltern Geld »für die Ausbildung der Geschwisterkinder« und »die Pflege unserer Eltern«.

Man kann es nur mit dem Schmerz der Mütter und Väter erklären, dass sie diesen Brief unterschrieben haben. Waren die Jahre, die sie mit ihren Kindern verbracht haben, nicht auch »Entschädigung« für die »investierte« Zeit, für das »investierte« Geld? Und: Soll ein Geschwisterkind tatsächlich irgendwann mit dem Bewusstsein studieren, dass der Tod des Bruders oder der Schwester diese Ausbildung ermöglicht hat?

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