Westfalen-Blatt

Westfalen-Blatt: zum Plastikmüll

Bielefeld (ots) - Die gerade gekaufte CD landet in einer Plastiktüte - dabei hätte sie problemlos in die Jackentasche gepasst. Wir Verbraucher gehen mit Einwegtüten noch viel zu sorglos um. Den wenigsten sind die fatalen Folgen für die Umwelt bewusst: Millionen Tonnen Plastikflaschen und -tüten landen in den Meeren, bilden riesige Müllteppiche und bringen Schildkröten, Seevögel und Seehunde in Gefahr. Schildkröten glauben, Plastiktüten seien Quallen, fressen sie und ersticken. Andere Lebewesen finden nicht mehr aus dem Plastikmüllgewirr heraus und verenden. Tüten und Flaschen sind schnell weggeworfen, bleiben aber eine dauerhafte Belastung für die Umwelt, weil sich der Zersetzungsprozess von Kunststoffen bis zu 450 Jahre hinziehen kann. Vor diesem Hintergrund hat die Entscheidung der EU-Minister nichts mit Gängelei aus Brüssel zu tun, sondern ist ein überfälliger und sinnvoller Schritt. Es ist ein Ausrufungszeichen gegen die weit verbreitete Wegwerfmentalität, die von der Industrie systematisch gefördert wurde. Deren Produkte seien auf Kurzlebigkeit ausgerichtet und so gestaltet, dass sie kaum noch repariert werden können, beklagt der Leiter des Deutschen Museums in München, Wolfgang M. Heckl. Er erinnert an Akkus in Smartphones, die schnell kaputtgehen und nicht ausgetauscht werden können, an Tintenstrahldrucker, die nach einer vorher festgelegten Anzahl von Ausdrucken streiken und daran, dass dort, wo früher Schrauben zum Herausdrehen waren, alles geklebt und geschweißt ist. Durch künstliche Lebenszeitverkürzung und einkalkulierte Inkompatabilität zwischen dem alten und dem neuen Modell versündigten sich Teile der Industrie an der Umwelt. Sie provozierten Elektroschrottberge und stellten eigenen Profit über Nachhaltigkeit, schreibt Heckl in seinem Buch »Die Kultur der Reparatur«. Darin redet er aber auch uns Verbrauchern ins Gewissen. Brauchen wir wirklich alle zwei Jahre ein neues Smartphone, obwohl die Unterschiede zum alten marginal sind? Ob Elektroschrott, der aus Europa nach Afrika verschifft wird, oder Plastikmüllteppiche in den Ozeanen: Dafür tragen die Wirtschaft und die Verbraucher gleichermaßen die Verantwortung. In einer freien Marktwirtschaft kann der Staat den Unternehmen nicht so einfach etwas verbieten, aber er kann Zeichen gegen Verschwendung setzen und die Firmen so indirekt unter Druck setzen. Auf Waschmaschinen werden die Verbraucher schon jetzt über die Effizienz informiert, warum gibt es noch keine Langlebigkeitsklassen? Den Verbrauch von umweltschädlichen Plastiktüten sollte der Staat so verteuern, dass Gedankenlosigkeit im Geldbeutel schmerzt. Und wir Verbraucher können schon jetzt unseren Beitrag gegen die Wegwerfmentalität leisten - indem wir Rucksack, Korb und Stofftüten nehmen, wenn wir einkaufen gehen.

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