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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu Zivilcourage

Bielefeld (ots) - Hinsehen statt wegschauen. Eingreifen. Helfen. Zivilcourage zeigen. Die 22-jährige Studentin Tugçe A. hat genau das getan. Sie wollte zwei jungen Mädchen helfen, die belästigt wurden. Sie hat versucht, einen Streit zu schlichten. Doch der Preis, den sie für ihren Bürgermut bezahlt hat, ist hoch. Zu hoch. Denn Tugçe ist tot. Die Schädel-Hirn-Verletzungen, die sie nach einem Schlag und einem anschließenden Sturz erlitten hatte, waren so schwer, dass die Ärzte nun den Hirntod der jungen Frau festgestellt haben. Heute, am 23. Geburtstag Tugçes, sollen die lebenserhaltenden Maßnahmen abgeschaltet werden. Vor dem Hintergrund des tragischen Ausgangs, den der Einsatz der Studentin genommen hat, werden sich die Stimmen derer wieder mehren, die davor warnen, sich einzumischen. Zu hoch sei die Gewaltbereitschaft in vielen Teilen der Bevölkerung, zu schnell würden Messer oder andere Waffen gezückt, um den unbeteiligten Schlichter zu vertreiben. Argumente dieser Art aber sind eine Kapitulation. Wegsehen und Weggehen machen es denen leicht, die ihre Aggressivität oft an Unschuldigen und Schwächeren ausleben. Gerade der Tod Tugçe sollte aufrütteln und dazu führen, noch mehr Einsatz zu zeigen, wenn es darum geht, Menschen in Not zu helfen. Noch ist zu wenig bekannt über die Nacht, in der ein 18-Jähriger, der jetzt wegen Körperverletzung mit Todesfolge in U-Haft sitzt, auf die Studentin einschlug. Hätten sich nicht nur die junge Frau, sondern auch andere eingemischt - vielleicht hätte der Täter seine Faust nicht erhoben, von seinem Opfer abgelassen. Tugçe könnte noch leben. So, wie auch Jonny K. Auch der 20-Jährige hatte sich eingemischt, um einen Streit zu schlichten, wurde daraufhin selbst zum Ziel des gewalttätigen Mobs. Sechs junge Männer prügelten und traten am 14. Oktober 2012 auf dem Berliner Alexanderplatz so massiv auf den Schüler ein, dass noch am selben Tag sein Herz aufhörte, zu schlagen. Andere, die dabei standen, sahen weg. Niemand kam Jonny K. zu Hilfe, niemand zeigte Bürgermut. Anders Tina K., die große Schwester des Getöteten. Sie hat die schreckliche Tat zum Anlass genommen, sich zu engagieren. Sie hat den Verein »I am Jonny« gegründet, um für ein friedliches Miteinander und mehr Zivilcourage im Leben zu werben. Tina K. und ihre vielen Mitstreiter wollen eines der Übel, die Jugendkriminalität, an der Wurzel packen und bekämpfen. Es ist ein schwerer Weg, sich immer und immer wieder der Öffentlichkeit und damit auch der Tat zu stellen. Und es sind sicher nur wenige Angehörige eines Gewaltopfers, die diese Kraft aufbringen. Doch Zivilcourage kann auf vielen Ebenen gelebt werden. Wichtig ist vor allem, sie zu zeigen. Wegsehen ist auf alle Fälle falsch. Wer das tut, der stellt sich an die Seite der Täter, macht sich letztendlich mitschuldig.

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