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Westfalen-Blatt: zum Krisenherd Naher Osten

Bielefeld (ots) - Der »arabische Frühling« weckte 2011 große Hoffnungen auf Demokratie und Stabilität im Nahen und Mittleren Osten. Nach dem Ende der Diktatoren Saddam Hussein im Irak, Muammar al-Gaddafi in Libyen und Husni Mubarak in Ägypten sollten Unterdrückung und Korruption durch Freiheit, Mitbestimmung und eine unabhängige Justiz ersetzt werden. Und wie sieht es im September 2014 tatsächlich aus? Verheerend! Nirgends gibt es so viele Krisenherde, nirgends herrscht so viel Chaos, nirgends sonst bekämpfen sich Volksgruppen und Religionsgemeinschaften wie Schiiten und Sunniten so erbittert. Zwar wurde in Tunesien beim Aufruhr frustrierter, junger Menschen vor gut drei Jahren der Diktator Zine el-Abidine Ben Ali weggejagt, aber in Syrien ist Baschar al-Assad weiter an der Macht und in Ägypten regiert der General Abdel Fattah al-Sisi mit harter Hand. Warum klappt es nicht mit der Demokratie? Warum bietet nur Israel seiner Bevölkerung wirkliche politische Mitbestimmung und wirtschaftliche Freiheit? Weil die allermeisten Länder im Nahen Osten nicht aus Traditionen herausfinden, die wie Fesseln wirken und den Weg in die Moderne verbauen. Stämme und Clans bestimmen die Geschicke, sie schanzen ihren Mitgliedern Einfluss und Wohlstand zu und bekämpfen sich ansonsten. In Ländern wie dem Jemen, Ägypten, Libyen und Syrien herrschen Vetternwirtschaft und Korruption, lukrative Jobs werden nicht nach Eignung, sondern aufgrund von Beziehungen vergeben. Als »tribes with flags«, als Stämme mit Flaggen, werden diese Länder oft gekennzeichnet. In ihnen herrscht zudem ein abstruser Personenkult. Muammar al-Gaddafi mit seinen lächerlichen Uniformen war ein groteskes Beispiel dafür, dass vermeintlich starke Männer angehimmelt werden wollen. Hinzu kommt: Die Länder haben nur wenig oder keine Erfahrung mit Demokratie. Das galt auch für das Nachkriegsdeutschland. Die Demokratie in der Weimarer Republik scheiterte an den Hypotheken des Ersten Weltkriegs, Massenarbeitslosigkeit und der Gewalt von Nazis und Kommunisten. Nach Hitlers Ende stieß die von Amerikanern und Briten von außen gebrachte Demokratie auf eine von der Diktatur geheilte Bevölkerung. Die Deutschen wollten Frieden und Sicherheit und begrüßten die Demokratie, weil mit ihr eine positive wirtschaftliche Entwicklung einsetzte. Heute ist sie selbstverständlich. Im Nahen Osten wirkt Demokratie vor allem auf junge Araber verlockend, die mitbestimmen, eine gute Ausbildung und gleiche Rechte wollen, aber die breite Masse möchte vor allem Ruhe und Brot. Welche Herrschaftsform das sicherstellt, ist für sie zweitrangig. Dabei ist unstrittig: Demokratie, also politische Teilhabe und freie wirtschaftliche Betätigung, machen aus armen Ländern wohlhabende. Solange im Nahen Osten aber weiter die Clans regieren und Religionsgruppen sich bekriegen, bleibt es eine Region des Scheiterns.

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