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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu Joachim Gauck

Bielefeld (ots) - Freiheit ist sein Thema. 160 Mal bildete das Wort den Schlüsselbegriff in Joachim Gaucks gut 300 offiziellen Reden seit dem Amtsantritt im März 2012. Freiheit vor Unterdrückung, Meinungsfreiheit, Selbstbestimmung der Völker - darüber predigt der ehemalige evangelische Pastor unermüdlich. Und als Bundespräsident nimmt sich Gauck die Freiheit, unbequem zu werden, Dinge zu sagen, die sich andere aus übermäßiger Angst vor Gegenwind nicht trauen. Zwei Beispiele: Im August 2013 bezeichnete er im Gespräch mit Schülern die NPD-Mitglieder als rechtsradikale »Spinner«, und am 1. September dieses Jahres nahm er sich in Danzig beim Gedenken an den deutschen Überfall auf Polen vor 75 Jahren Wladimir Putins Vorgehen in der Ukraine zur Brust: »Die Geschichte lehrt uns, dass territoriale Zugeständnisse den Appetit von Aggressoren oft nur vergrößern.« Sollte man Gauck für die deutlichen Worte kritisieren? Nein, im Gegenteil! Gauck ist kein »Grüßaugust«, der nur Diplomaten aus aller Welt die Hände schüttelt, will das auch nicht sein. Er hat ein klares Profil und verhilft damit dem zuletzt schwer ramponierten Ansehen des Amtes zu neuem Glanz. Vor allem Christian Wulff gab eine unglückliche Figur ab. Zuletzt ging es nicht mehr um sein politisches Handeln, sondern nur noch um die Frage, ob da angesichts des Hauskredits und von Urlaubsreisen mit Freunden ein korrupter Schnorrer das höchste Amt bekleidet. An den meisten Vorwürfen war am Ende nichts dran, und so mancher Journalist hat sich durch Vorverurteilungen an Wulff versündigt. Aber letztlich scheiterte er an Altlasten aus seiner Zeit als Ministerpräsident in Niedersachsen und am moralischen Anspruch, den das Amt eines Bundespräsidenten mit sich bringt. Dagegen kam Gauck mit moralischer Autorität ins Schloss Bellevue. Wer im Unrechtsstaat DDR aufwuchs, der nur eine, die sozialistische, Weltanschauung gelten ließ und Kritiker einsperrte, wirkt glaubwürdig, wenn er den hohen Wert der Freiheit herausstellt. Neben der Freiheit hat Gauck Verantwortung als zweites Leitmotiv gewählt und sieht hier Deutschland wegen seiner Geschichte, politischen Bedeutung und wirtschaftlichen Kraft besonders in der Pflicht. Dass sich das Land auch militärisch an der Lösung von Krisen beteiligen solle, diese Forderung brachte ihm aus der Linkspartei prompt den Vorwurf der Kriegstreiberei ein. Gauck ist ein Mann, der sich was traut. Das ist gut so, denn seine politischen Koordinaten sind hoch aktuell. Ob in der Ukraine oder in den von den IS-Mörderbanden heimgesuchten Ländern Syrien und Irak - dort geht es um nichts anderes als um Freiheit statt Unterdrückung und die Verantwortung der Welt für die Wahrung dieses Prinzips. Gauck setzt die richtigen Schwerpunkte - seine Halbzeitbilanz könnte kaum besser sein.

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