Westfalen-Blatt

Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu 15 Jahre Studienreform

Bielefeld (ots) - »Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühn.« Ginge Goethes Faust mit einem solchen Abschluss heute zur Berufsberatung, er sähe entsetztes Kopfschütteln. Unmögliche Fächerkombination! Einen Platz als Trainee im mittleren Management würde er niemals ergattern. Vielleicht könnte er irgendwas mit Medien machen - als unbezahlter Praktikant, versteht sich. Zum Glück sind solche Studien-Tollheiten heute gar nicht mehr möglich. Davor steht der Bachelor, der - ja nicht grundlos ersonnene - Gegenentwurf zum Studens aeternus der Postachtundsechzigerjahre, als 24 Semester Germanistik und Politikwissenschaften als völlig okay galten. Der Bachelor in spe strebt nicht nach Erkenntnis, sondern nach Leistungspunkten. Er hat einen starren Lehrplan, büffelt, wird geprüft (gerne mehrfach), vergisst und wird ins nächste Modul gestoßen - so, wie es schon die G8-Abiturienten gelernt haben. Das Wort vom Bulimie-Lernen macht die Runde. NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) rät den Hochschulen lapidar zur »Entschlackung«. Grundsätzlich ändern will sie nichts. Kann sie auch nicht. NRW ist chronisch klamm. Die 700 Millionen Euro, die das Land befristet bis 2020 in zusätzliche Master-Studienplätze steckt, sind denn auch keine bildungspolitische Meisterleistung, sondern pure Nothilfe. Seit Jahren schon tragen die NRW-Hochschulen die rote Laterne in Sachen Betreuungsquote. Auf eine Lehrkraft kamen bei der jüngsten Erhebung 27 Studenten - im Durchschnitt! Studiengebühren wären ein probates Mittel, um die Hochschulen mit mehr Geld zu versorgen und gleichzeitig die Zahl der Ich-weiß-nicht-ob-das-wirklich-was-für-mich-ist-Studenten zu verringern. Aber das wäre ja, so lautet der rot-grüne Ratschluss, unsozial. Also hocken die Motivierten neben den Sinnsuchenden und bangen um die Zulassung zum Master-Studium, das sie dereinst auf dem Arbeitsmarkt als vollwertige Akademiker ausweisen wird - was beim Bachelor längst noch nicht der Regelfall ist. 15 Jahre nach der Bologna-Reform lautet die Frage: Alles Quatsch mit Soße? Nein, ein Zurück kann es auch angesichts des angestrebten europäischen Gleichklangs nicht geben. Aber die deutschen Universitäten und namentlich die Fakultäten müssen sich endlich mit ihrem Lehr- und Prüfungskanon den neuen Gegebenheiten anpassen. Selbst die Wirtschaft, der ja Schul- und Hochschulausbildung gar nicht schnell genug gehen konnte, gerät ins Grübeln. Sie wollte in kürzerer Zeit fähigen Fach- und Führungskräftenachwuchs herangebildet sehen und bekommt nun immer öfter reine Prüfungsmeister geliefert. So war das auch wieder nicht gewollt. Doch es ist wie mit Goethes Zauberlehrling: Die Geister, die wir riefen, werden wir nicht wieder los. »In die Ecke, Besen! Besen!« Es ist niemand in Sicht, dem dieser Ordnungsruf zuzutrauen wäre.

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