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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zur Entscheidung des DLV, Prothesen-Springer Markus Rehm nicht zur EM zu lassen

Bielefeld (ots) - Markus Rehm ist ein großartiger Athlet. Das haben ihm nicht nur seine zweibeinigen Konkurrenten bescheinigt, die der 25-jährige Weitspringer bei den nationalen Titelkämpfen in Ulm besiegt hatte. Und das als Behinderter. Mit einer Prothese. Und genau die ist jetzt der Grund, warum der Schützling von Ex-Speerwurfweltmeisterin Steffi Nerius nicht bei der Europameisterschaft starten darf. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) orientiert sich bei seiner Entscheidung an neuesten biomechanischen Daten. Vereinfacht ausgedrückt: Der Übergang von Anlauf über Absprung in den Sprung ist bei Rehm unmenschlich, ein Katapulteffekt durch die Prothese müsse vermutet werden. Zur Einordnung: Eine Karbonprothese gibt 80 Prozent der Energie wieder ab, ein menschliches Bein nur 50. Der DLV wird sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht haben. Schlimm genug, dass er sich so lange vor einer tiefgreifenden Untersuchung des »Falles Rehm« gedrückt hatte. Durch die Normerfüllung in Ulm ging das nun nicht mehr. Der Sport als Ganzes muss sich jetzt dieser Problematik stellen. Und eine Entscheidung, ob und wie behinderte und nichtbehinderte Athleten in einem Wettbewerb gegeneinander antreten können, wie gewertet wird, ist keine, die schnell gefällt werden darf. Es ist keine, die geeignet ist, dass sich Sportwissenschaftler dabei zu profilieren versuchen. Klar ist, dass nichts klar ist. Für die einen sind die Vorteile, so widersinnig sich das anhört, einer Prothese im sportlichen Wettbewerb offensichtlich. Andere sagen, die aktuellen Daten reichten noch nicht aus, um ein abschließendes Urteil zu fällen. Man sollte sich auch deshalb Zeit lassen, weil diese Entscheidung weitreichende, noch unabsehbare Folgen haben könnte. Letztlich geht es eben auch um den Einstieg ins Technik-Doping. Einen beredten Hinweis, dass die Qualität der Prothesen durchaus einen Effekt auf die Leistung hat, gab 2012 unfreiwillig Oscar Pistorius, jener südafrikanische Läufer also, der sich einen Start bei Olympia vor Gericht erstritt. Nachdem er bei den anschließenden Paralympics gegen den Brasilianer Alan Oliveira über 200 Meter unterlag, klagte Pistorius, dessen Stelzen seien zu lang. Ein Rückschritt für die Inklusion ist die Entscheidung des DLV nicht. Viele Länder subventionieren paralympischen Leistungssport. Es gibt auch bei nationalen Wettbewerben beachtliche Leistungen. Die gehen aber unter, weil meist nur über die Paralympics berichtet wird. Aber auch Markus Rehm kann nicht wollen, dass sein Start in Zürich unter dem Titel »Menschen, Behinderte, Sensationen« läuft. Für den Weltklasseweitspringer ist die Nichtberücksichtigung für die EM ohne Frage eine herbe Enttäuschung. Für die Fairness, die schon von so vielen versucht wird auszuhebeln, ist es ein Sieg.

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