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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu Ägypten

Bielefeld (ots) - Geschichtsschreibung in arabischen Ländern hat oft mehr mit Begeisterung als mit Historie zu tun. Wer in ägyptischen Lehrbüchern die Geschichte des Suez-Krieges mit der Version in den Protokollen der UNO vergleicht, wird erstaunt feststellen: Ein amerikanisch-sowjetisches Übereinkommen zwang damals Briten, Franzosen und Israelis zum Abzug vom Kanal und aus dem Sinai; in ägyptischen Annalen dagegen sieht es so aus, als habe Nasser (»der Siegreiche«) die Feinde in die Flucht geschlagen. Nasser war gerade zum Präsidenten gewählt worden. Vier Jahre zuvor hatte er mit »freien Offizieren« König Faruk vertrieben. Eine Militärjunta regierte das Land am Nil. Und daran hat sich in den 60 Jahren danach de facto nichts geändert. Es waren stets Militärs, die im Land herrschten, von Nasser über Sadat, Mubarak bis Al Sisi. Das Intermezzo Mursi war für sie ein Unfall auf dem Weg der Siegreichen. Auch jetzt ist die Begeisterung größer als die Wahrheit. Natürlich handelt es sich um eine Militär-Diktatur mit Wahlen. Al Sisi, der gestern ein ihm ergebenes Kabinett präsentierte, wird zuerst für mehr Sicherheit sorgen, zum Beispiel für die Frauen. Sexuelle Belästigungen und Vergewaltigungen gehören seit dem Sturz Mubaraks in Ägypten zum Alltag. Mit eiserner Faust wird er die Muslimbrüder unterdrücken, so wie es seine Vorgänger getan haben. Das ist er auch den saudischen Sponsoren schuldig, die in den Muslimbrüdern eine Gefährdung ihrer Macht argwöhnen. Außenpolitisch wird Al Sisi am Friedensvertrag mit Israel festhalten. Viel mehr lässt sich im Moment nicht sagen. Auch nicht, ob das Bündnis mit den USA hält. Washington hat sich sehr für die Muslimbrüder engagiert in der falschen Analyse, dass dieser Geheimbund als kommende Macht aus der Arabellion in der gesamten Region und darüber hinaus sich etablieren werde. Es war nicht das erste Mal, dass die Nahost-Analysen der CIA in die Irre führten. Obamas Sympathie für den Islam im Allgemeinen und für die Muslimbrüder im Besonderen, hat die Generäle am Nil verunsichert. Sie schauen sich nach Alternativen um. Al Sisis jüngster Besuch in Moskau zeigt, dass in der Region möglicherweise wieder ein Allianzenwechsel bevorsteht. Die Russen werden die wirtschaftlichen Probleme Ägyptens nicht lösen können. Aber mit den Petro-Dollars aus Saudi-Arabien kann man die Zeit überbrücken, bis die neu gewonnene Sicherheit im Land wieder Touristen hereinströmen lässt. Bis dahin wird es viele Todesurteile geben. Und in Washington und Europa wird man sich fragen, was besser ist? Eine Militär-Diktatur mit demokratischer Fassade oder eine islamistische Diktatur, auch in demokratischer Verhüllung. Für beide Regime wird man Begeisterte am Nil finden. Vielleicht ist das kleinere Übel tatsächlich, dass erstmal Frieden herrscht, und sei es der Frieden des Stärkeren.

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