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Westfalen-Blatt: Das Westfalen-Blatt (Bielefeld) zur Pisa-Studie:

Bielefeld (ots) - Alle drei Jahre wieder kurz vor oder nach dem Nikolaustag öffnet die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) ihren Pisa-Sack. Darinnen findet sich allerlei Lob für die braven Bildungsstaaten, doch auch das Buch der Sünden wird aufgeblättert. Gleich bei der Premiere im Jahr 2001 kam es knüppeldick. Die OECD schwang die Rute, Deutschland versank vor Scham im Boden. Nie wieder, so schworen die gescholtenen Bildungspolitiker, wollte man sich dermaßen blamieren. Drei Studien später fällt die Bescherung nicht mehr gar so verheerend, aber immer noch nicht zufriedenstellend aus. In Mathematik und Naturwissenschaften hat Deutschland zur Spitzengruppe aufgeschlossen, doch beim Lesen kommen viele 15-Jährige im Land der Dichter und Denker noch immer nicht auf einen grünen Zweig. Die soziale Schieflage ist nicht mehr ganz so steil, doch immer noch rutschen vor allem Kinder aus Migrantenfamilien über den Rand des Bildungssystems. Was also tun? Noch mehr büffeln lassen? Noch mehr testen? Bitte nicht! Niemand, dem das Wohl der Jugend am Herzen liegt, wird sich ernsthaft die OECD-Musterschüler Shanghai, Singapur, Hongkong oder Südkorea zum Vorbild nehmen, wo Schule vor allem aus Drill besteht. Schule soll Persönlichkeiten heranreifen lassen, keine faktenspuckenden Automaten. Oder, wie es NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann formuliert: »Nicht Fächer werden unterrichtet, sondern Kinder.« Warum aber belastet die Ministerin dann die Gymnasien mit einer unsinnigen Diskussion über eine in der Praxis kaum mögliche Rückkehr zum Abitur nach Klasse 13? Warum führen die Parteien eine Ideologiedebatte um die Gemeinschaftsschule, wenn die Schulstruktur doch nur geringen Einfluss auf den Bildungserfolg hat? Vielleicht deshalb, weil echte, nutzbringende Verbesserungen sich nicht auf Wahlkampfslogans reduzieren lassen. Was den Schulen und damit den Schülern wirklich helfen würde, hat die Unternehmensberatung McKinsey gerade bei Pisa-Gewinnern wie dem Bundesland Sachsen erforscht. Ergebnis: Die meisten Früchte tragen jene Reformen, die den Unterricht und damit die Art und Weise des Lernens und Lehrens verbessern. Lehrer, die gegenseitig Unterrichtsstunden besuchen und Methoden und Ziele absprechen; Universitäten, die höhere Anforderungen an Lehramtskandidaten stellen und sie frühzeitig Praxiserfahrungen sammeln lassen - das sind nur einige Bausteine zum Erfolg. Fördern und Fordern: Dieses Prinzip muss nicht nur für Schüler, sondern auch für Schulen gelten. Aufgabe der Politik ist es, solche Prozesse anzustoßen und einzufordern. Im Gegenzug brauchen Schulen Freiräume und die notwendigen Ressourcen - etwa für die sträflich vernachlässigte Weiterbildung. Kurzfristig lassen sich so zwar keine Pisa-Punkte sammeln. Langfristig aber gewinnt die gesamte Gesellschaft.

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