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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zum Hamburger Schulstreit

Bielefeld (ots) - »Demokratisch wertvoll« - dieses Prädikat hat der Hamburger Schulstreit allemal verdient. Auch ist er in vielerlei Hinsicht lehrreich. Lehre 1: Schulpolitik braucht Nachhaltigkeit. Strukturrefomen sind nur zu rechtfertigen, wenn ihr Nutzen über jeden Zweifel erhaben ist. Bildungspolitik verlangt Augenmaß, gerade weil sie Ländersache ist. Nirgendwo sonst kann eine Landesregierung ihre Gestaltungskraft so sehr beweisen, aber eben auch so sehr missbrauchen. Im schlimmsten Fall werden Schüler, Eltern und Lehrer im Zyklus der Legislaturperioden Opfer politischen Wagemuts. Diesem Wagemut erlag auch Schwarz-Grüne in Hamburg. Die These, dass längeres gemeinsames Lernen automatisch zu mehr Bildungsgerechtigkeit führt, reichte der Regierung, um die Einführung der Primarschule zu begründen. Dabei gibt es kaum hinreichende Belege, wohl aber triftige Gegenargumente. So wurde beim jüngsten Ländervergleich der Schülerleistungen ausgerechnet Berlin als das ungerechteste Bundesland ermittelt, obwohl dort die Grundschule sechs Jahre dauert. Lehre 2: Schulreformen müssen erklärbar sein und erklärt werden. Zu tiefgreifend können die Folgen für die Schüler und damit die Ängste der Eltern sein. Hier hat Schwarz-Grün versagt. Entsprechend leicht fiel es der Bürgerinitiative »Wir wollen lernen«, den Widerstand zu formieren. Diesen Widerstand hat die Regierung dann auch noch viel zu lange missachtet. Am Schluss ließ er sich nicht mehr stoppen. Lehre 3: Schule braucht Veränderung, Hamburg zum Trotz. Unstrittig ist, dass das deutsche Bildungssystem, gerade im internationalen Vergleich, ungerecht ist. Noch immer bestimmt die soziale Herkunft am stärksten über den schulischen Erfolg. Erster Ansatzpunkt muss dabei jedoch die individuelle Förderung jedes Kindes sein - ein Recht, das übrigens seit 2006 im NRW-Schulgesetz festgeschrieben, aber längst nicht erreicht ist. Auch hier ist viel von Hamburg zu lernen, denn zur dortigen Schulreform soll ja auch die Einführung kleinerer Klassen gehören. Das erfordert mehr Lehrer und wird viel Geld kosten. Auch die Stadtteilschulen könnten angesichts der dahinsiechenden Hauptschulen Modellcharakter für NRW bekommen. Alles in allem viel Arbeit für die rot-grüne Minderheitsregierung. Schulministerin Sylvia Löhrmann hat gestern prompt versprochen, es besser zu machen als die Hamburger. Blumig sprach die Grüne vom »sanften Weg«. Das aber verschleiert, dass ihre Pläne dazu angetan sind, die Schullandschaft aus den Angeln zu heben. Sollen in fünf Jahren tatsächlich 30 Prozent der weiterführenden Schulen in NRW Gemeinschaftsschulen sein, erfordert das Veränderungen, wie sie nachhaltiger kaum sein könnten. Nimmt man noch die geplante Wahlmöglichkeit der Schulen zwischen dem Abitur nach acht (G8) und neun Jahren (G9) hinzu, muss Eltern schulpflichtiger Kinder angst und bange werden. Politischer Lernwille sieht anders aus. Noch scheint Hamburg weit weg für Rot-Grün.

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