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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld), Interview mit Biograf Gerd Langguth über Angela Merkel

    Bielefeld (ots) - Der Bonner Politikwissenschaftler und Merkel-Biograf Gerd Langguth erklärt im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT, warum die Bundeskanzlerin und CDU-Chefin beim Volk so beliebt ist, sie von der Partei zwar respektiert, aber noch immer nicht geliebt wird.

    An diesem Samstag ist Bundeskanzlerin Angela Merkel zehn Jahre Parteivorsitzende der CDU. Was wünschen Sie ihr? Gerd Langguth: Dass Sie weiterhin mit viel Kraft agiert und mehr Augenmerk auf den inneren Zustand der Partei legt.

      Wie bewerten Sie die Arbeit der CDU-Chefin?
Langguth: Sie ist deshalb Parteivorsitzende geworden, weil sie
infolge des Spendenskandals als die Einzige schien, die die CDU
glaubhaft retten konnte. Das hat sie auch mit Bravour gemeistert. Sie
hat auch eine Modernisierung der Partei herbeigeführt und die CDU
interessant für neue Wählerschichten gemacht, zum Beispiel für
Frauen. Aber ihr ist es noch nicht gelungen, so etwas wie eine »Seele
der CDU« zu sein.

      Was ist von »Kohls Mädchen« heute übriggeblieben?
Langguth: Nicht sehr viel. Sie ist ja in vielen Dingen ganz anders
als Kohl. Kohl war der Geschichtsdeuter, sie ist die unideologische
Problemlöserin. Sie hat zwar von Kohl das Aussitzen gelernt, aber sie
geht an die Dinge mit dem Willen heran, die Details der politischen
Themen erfassen zu wollen.

      Hat Angela Merkel die Partei im Griff?
Langguth: Ja. Sie wird aber mehr respektiert als  geliebt. Im Übrigen
ist unter Angela Merkel das Parteileben ähnlich eingeschläfert wie
bei dem späten Helmut Kohl.

      Die Rivalen sind verstummt, aussortiert oder weggelobt. Stoiber,
Oettinger, Beckstein, Huber, Merz - fehlt eigentlich nur noch Horst
Seehofer. Wer kann Merkel die Stirn bieten oder sind mittlerweile
alle handzahm?
Langguth: Man müsste die Liste noch um Kohl und Schäuble ergänzen,
die sie im Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 22.
Dezember 1999 so gegeneinander aufgebracht hat, dass der eine den
Ehrenvorsitz verloren hat und der andere den Parteivorsitz. In der
Tat ist die Zahl ihrer Skalps enorm. Und es ist im Moment niemand da,
der ihr die Stirn bieten kann.

      Viele werfen Angela Merkel vor, einen Kurs der
Sozialdemokratisierung der CDU zu fahren. Ist die Kritik berechtigt?
Langguth: Sie ist nur zum Teil berechtigt. Sie tut sich schwer, die
konservativen Wähler zu integrieren. Aber ohne einen Kurs der  
Modernisierung wäre die CDU eben auch in Koalitionen nicht
mehrheitsfähig.

      Die Kanzlerin ist beim Volk beliebt. Warum profitiert die Partei
nicht mehr vom Kanzlerbonus und auch nicht von der Schwäche der SPD?
Langguth: Das ist eine gute Frage. Bei Helmut Kohl war es genau
anders. Da war das Image der Partei viel besser als das des Kanzlers.
Dass die CDU  nicht so davon profitiert, hängt damit zusammen, dass
die Menschen unideologischer geworden sind. Die Parteien haben nicht
mehr die starke Verankerung in der Bevölkerung, wie das früher der
Fall war. Das führt dazu, dass die Zahl der Mitglieder stark
zurückgegangen ist. Darunter leidet die Partei. Merkel ist beliebt,
weil die Menschen ihren Fleiß und ihre zurückhaltende Art schätzen.

      Viele vermissen von Merkel eine Vision von der Gesellschaft, in
der wir leben. Kann sie die Rolle der Visionärin überhaupt ausfüllen?
Langguth:  Nein. Sie ist ja Physikerin. Im Übrigen gibt es ja
inzwischen die Erkenntnis, dass der Staat sich übernimmt, wenn er
eine politisch-moralische Wende verspricht, wie das Kohl getan hat.
Das wird ein Staat oder eine Regierung selber nie einlösen können.
Das kann nur aus der Gesellschaft selbst kommen. Die
Regierungsvertreter müssen aber mit gutem Beispiel vorangehen.

      Gegen die Konservativen hat Frau Merkel eine neue Familienpolitik
durchgesetzt, die Einführung eines Post-Mindestlohns trägt ihre
Handschrift und dann kritisierte Merkel sogar den Papst. Wieviel CDU
steckt eigentlich noch in der CDU?
Langguth: Die Frage ist berechtigt, genauso wie die Frage: Wieviel
SPD steckt noch in der SPD? Alle Parteien tun sich mit ihrer
Identität schwer. Ich denke, dass sich die CDU im Vergleich zur SPD
noch am deutlichsten für eine marktwirtschaftliche Orientierung
ausspricht. Die CDU steht auch dafür, dass der Staat nicht alles
regeln muss. Die Verteidigungspolitik und die innere Sicherheit sind
der CDU wichtig. Auf anderen Feldern hat Merkel erkannt, dass die CDU
nur dann mehrheitsfähig ist, wenn sie eine Sozialpolitik macht, die
auch bei Arbeitnehmern Unterstützung findet.

      Wie lange wird sie Kanzlerin, wie lange Parteivorsitzende
bleiben?
Langguth: Sie wird so lange Parteivorsitzende sein, so lange sie
Kanzlerin ist. Sollte sie als Kanzlerin scheitern, würde sie sehr
schnell den Parteivorsitz abgeben. Sie weiß ganz genau, dass in
Deutschland die Quelle der Macht der Parteivorsitz ist. Ich sage
voraus, dass sie als Kanzlerin nahe an die Amtszeit eines Helmut Kohl
von 16 Jahren herankommen kann. Denn es ist in einem
Fünf-Fraktionen-System sehr schwer, gegen die stärkste Partei, die
zumal noch die Regierungschefin stellt, eine Mehrheit zu bilden.

      Wie geht die NRW-Wahl am 9. Mai aus?
Langguth: Ich denke, dass sich die CDU nach der Sponsoringkrise etwas
stabilisiert hat, aber es dürfte ausgeschlossen sein, das alte
Ergebnis von 44,8 Prozent herbeizuführen. Rüttgers hat die Nase vorn,
in der einen oder anderen Koalition Ministerpräsident zu bleiben -
aber die Wähler in NRW sind unkalkulierbarer als in anderen
Bundesländern.

      Was haben Sie als Merkel-Biograf eigentlich für ein Bild von Frau
Merkel als Mensch?
Langguth: Sie ist nicht nur ein Workaholic, sondern auch ein
»Politikaholic«, wie ich jene nenne, die sich ganz für die Politik
aufzehren. Merkel ist sieben Tage in der Woche und 24 Stunden am Tag
mit vollem Fleiß für die Politik tätig.  Und  sie ist jemand, die
sich durch Spitzenleistungen verwirklichen will. Das ist ihr
Lebensziel. Sie war schon so als Schülerin. Als Pfarrerstochter
musste sie besser sein als alle anderen. Nur dann konnte sie zur
Oberschule und auf die Universität gehen. Und dieses Besserseinwollen
als alle anderen, das versucht sie bis heute umzusetzen.

    Herr Langguth, vollenden Sie!

    Angela Merkels größte Stärke ist, ... ... dass sie mit einem ziemlichen Charme insistierend gelegentlich auch Leute überzeugen kann, die etwas anderes von ihr wollen.

    Wenn Merkel den Namen Friedrich Merz hört, ... ... dann denkt sie an eine schwierige Auseinandersetzung und hoffentlich auch daran, dass sie einen der besten Politiker der Union vergrault hat.

    Merkels Schwäche ist, ... ... dass sie zu wenig Führungspersönlichkeiten um sich schart, die auch andere Positionen als sie vertreten.

    Horst Seehofer würde Merkel am liebsten ... ... auf eine längere Isarfahrt verbannen.

    Merkel denkt über den konservativen Flügel ihrer Partei, ... ... dass es ihn gibt, er aber nicht den Vorstellungen ihrer Politik entspricht, dass vielleicht aber die Einsicht kommt, ihn stärker pflegen zu müssen.

    Merkels bitterste Niederlage war, ... ... als sie 2002 nicht die Kanzlerkandidatur übertragen bekam. Später stellte sich das als ihr großes Glück heraus, denn ob sie 2002 gegen Schröder gewonnen hätte, ist zweifelhaft.

    Von Guido Westerwelle wünscht sie sich, ... ... dass er sich manches Mal bestimmte Aktivitäten im Zusammenhang mit seinen persönlichen Lebensumständen besser überlegt.

    Ihr größter Sieg war, ... ... dass sie Kanzlerkandidatin wurde und sie trotz eines schlechten Wahlergebnisses Gerhard Schröder aus dem Rennen geschlagen hat.

    Ihren Spitznamen »Mutti« findet sie, ... ... sicherlich ganz putzig, wohl als ein Kunstprodukt von Journalisten

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