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Neue Westfälische (Bielefeld): Umwelt-Enzyklika von Papst Franziskus Rot-Grün im Vatikan Julius Müller-Meiningen, Rom

Bielefeld (ots) - Man kann über die katholische Kirche denken, wie man will. Unzweifelhaft ist, dass Papst Franziskus der katholischen Kirche mit ihren 1,2 Milliarden Mitgliedern seit seinem Amtsantritt vor gut zwei Jahren so viel Gehör wie lange nicht verschafft. Das liegt vor allem an der so greifbar wirkenden Persönlichkeit Jorge Mario Bergoglios, die sich in den meisten Fällen aufs Beste mit den Mechanismen des digitalen Zeitalters ergänzt, weil es die Unmittelbarkeit seines Auftretens bis in den hintersten Winkel der Welt fassbar macht. Mit seiner Enzyklika "Laudato si'" über die menschliche Verantwortung für Umweltzerstörung und Umweltschutz zeigt der 78 Jahre alte Papst aus Argentinien erneut Gespür für den Puls der Zeit. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung und die Relevanz für Lebensfragen der Menschen sind entscheidend dafür, wieviele Zuhörer über die Grenzen des Katholizismus hinaus der Papst mit seinen Verlautbarungen für sich gewinnt. Mit "Laudato si'" hat Franziskus im Jahr 2015 deshalb ins Schwarze getroffen. Wenn es ein Thema gibt, das alle Menschen und eben nicht nur Katholiken gleichermaßen betrifft, dann ist es der Klimawandel mit seinen dramatischen Folgen. Auch Johannes Paul II. und Benedikt XVI. warnten bereits vor Umweltzerstörung. Dass Franziskus als Oberhaupt der katholischen Kirche diesem Thema erstmals eine ganze Abhandlung widmet und sie ins Zentrum seines Denkens stellt, zeigt, dass die katholische Kirche in den entscheidenden Menschheitsfragen ein gewichtiges Wort mitreden will und kann. Es wäre allerdings stark verkürzt, Franziskus nun schlicht als grünen Papst abzustempeln, der eben auch die Gefahren des Treibhauseffekts mit allen Folgen erkannt hat. Seine detaillierte Analyse der Umweltzerstörung samt Lösungsvorschlägen ist für ihn nur der Ausgangspunkt für eine verheerende Kapitalismuskritik mit dem berechtigten Hinweis, dass vom Raubbau an der Erde nur einige Wenige profitieren, die Ärmsten durch ihn aber noch ärmer werden. Blinder Fortschrittsglaube, Konsumismus und die ungezügelte Macht der Hochfinanz sind die eigentlichen Sorgenkinder dieses Papstes, der, will man in der politischen Farbenlehre bleiben, mindestens so rot schreibt wie grün. So verletzt Bergoglio auch ein Sakrileg des wachstumshörigen Mainstream-Denkens, wenn er fordert, dass in Teilen der reichen Welt eine Rezession zu akzeptieren sei, um anderswo Aufschwung zu ermöglichen. Diese Kombination von radikaler Umwelt-, Sozial-, und Wirtschaftspolitik im Zusammenhang mit der katholischen Kirche mag im Westen für Verwunderung sorgen. In der Kirche Lateinamerikas, der Heimat Bergoglios, ist sie aber schon seit dem Bischofs-Treffen von Puebla 1979 Konsens. Franziskus wäre aber nicht Franziskus, wenn er letztlich nicht auch die rot-grüne Fraktion seiner Bewunderer vor den Kopf stoßen würde mit der Forderung nach einer integralen Ökologie, die auch den Menschen selbst umfasst. Die Verteidigung der Natur sei nicht mit der Tötung von Embryos, also mit Abtreibung vereinbar, schreibt er. Franziskus geißelt auch die Gender-Theorie mit ihrem Versuch, den "Unterschied zwischen den Geschlechtern auszulöschen" als Anmaßung über die Schöpfung. Der streng konservative Aspekt im Denken des Papstes aus Argentinien wird aus ideologischen Gründen gerne ignoriert. Er ist aber ebenso Teil einer nach herkömmlichen Kriterien nur schwer dechiffrierbaren Persönlichkeit.

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