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Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar Hackerangriff auf den Bundestag Das Netz hat Löcher Jörg Rinne

Bielefeld (ots) - Haben Sie auch schon mal lächelnd bei der Frage abgewinkt, ob Sie vielleicht gerne mit einem einzigen Knopfdruck die Uhr zurückdrehen und ins internetlose Zeitalter zurückkehren würden? Was für eine Vorstellung! Wie könnten wir uns ohne die vielen Vorteile der allgegenwärtigen digitalen Kommunikation und Information überhaupt noch im Leben zurechtfinden? Oder sind Sie bei der oben genannten Fragestellung doch ein wenig nachdenklich geworden? Erwischen Sie sich auch ab und zu beim Nachdenken darüber, welche Nachteile und Risiken den lebensvereinfachenden Aspekten der digitalen Revolution gegenüberstehen? Die Frage bleibt natürlich rhetorisch. Den roten Knopf gibt es nicht, der rasante technische Fortschritt krempelt unaufhaltsam unsere Gesellschaft um. Und die ist in weiten Teilen dieser Entwicklung überhaupt nicht gewachsen. Dabei geht es nicht darum, in welcher Geschwindigkeit wir neue Software in unseren Computern oder neu designte Smartphones beherrschen. Unser grundsätzliches Selbstverständnis in der digitalen Welt gehört auf den Prüfstand. Welch einen Aufschrei über die Arbeit des amerikanischen Geheimdienstes NSA hat es in Deutschland in den vergangenen Monaten gegeben. Das Handy der Kanzlerin hatten die US-Spione im Visier, genauso wie deutsche Top-Unternehmen. Eine Überraschung? Wohl kaum, das gehört zum Geschäft, sagen Experten. Und das ist nicht zynisch gemeint. Wo früher Briefe geöffnet oder Telefonzentralen überwacht wurden, sind es heute Datenleitungen und Server. Kollateralschäden werden billigend in Kauf genommen. Und nun ist der deutsche Bundestag in Aufruhr. Eine Cyberattacke lähmt die Arbeit unserer Abgeordneten. Und wieder soll ein ausländischer Nachrichtendienst der Schuldige sein. Doch egal, ob Russen oder Chinesen den Trojaner nach Berlin geschickt haben, der Vorfall zeigt, wie verletzlich unsere vernetzte Welt derzeit ist. Die Frage sei erlaubt: Haben sich unsere Politiker rund um den Reichstag wirklich vor Attacken sicher gefühlt? Wer unter den aktuell 631 Abgeordneten in Berlin diese Frage guten Gewissens mit Ja beantwortet, ist zweifelsfrei noch nicht im Jahr 2015 angekommen. Es ist heute schon entscheidend, wie wir mit unserer Kommunikation umgehen. Damit ist nicht gemeint, mit erhobenem Finger den so beliebten Kurznachrichtendienst WhatsApp zu verteufeln, weil der alle Daten abgreift. Soll er doch, wenn es ihn interessiert, dass das Fußballtraining unserer Kinder ausgefallen ist. Wichtig ist, zu verstehen und zu akzeptieren, dass es keine absolute Sicherheit gibt, wenn relevante Informationen digital übermittelt werden. Da hilft kein neues IT-Sicherheitsgesetz, das jetzt auf den Weg gebracht wird. Da hilft auch kein neu aufgesetztes Netzwerk im Bundestag, das zwar eine dreistellige Millionensumme kostet, möglicherweise aber schon wenige Tage später erneut gehackt wird. Das große Netz hat Löcher. Dieser Umstand gehört ins alltägliche Bewusstsein - nicht mehr, aber auch nicht weniger. In vielleicht zwanzig Jahren werden wir sicher verschämt auf unsere derzeitigen Aktivitäten mit Smartphone und Co. zurückschauen. Wenn wir unseren gutgläubigen Leichtsinn abgelegt haben und tatsächlich in der digitalen Welt angekommen sind. Denn derzeit schreitet die technologische Evolution wesentlich schneller voran als die menschliche.

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