Neue Westfälische (Bielefeld)

Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar 200 Jahre Westfalen Vielfalt ist Stärke Lothar Schmalen

Bielefeld (ots) - Der Rheinländer ist fröhlich und ein bisschen leichtsinnig, der Westfale bodenständig und stur, aber auch fleißig und erfolgreich - die Klischees über die beiden wichtigsten Landsmannschaften des Bindestrich-Bundeslandes Nordrhein-Westfalen sind bestens bekannt. Das große Jubiläum, das der Landstrich zwischen Weser und Sieg genau 200 Jahre nach der Gründung der preußischen Provinz Westfalen in diesem Jahr feiern kann, gibt Anlass, über Westfalen und das Westfälische nachzudenken. Flächenmäßig der etwas größere, von der Einwohnerzahl her der etwas kleinere Teil von NRW, ist Westfalen von jeher durch Gegensätze geprägt. Überwiegend katholische Gebiete stehen überwiegend protestantischen gegenüber. Der östliche Teil des Ballungsraumes Ruhrgebiet steht den sehr ländlichen Regionen des Münsterlandes, Sauerlandes und Ostwestfalens gegenüber. Auch wirtschaftlich gibt es große Unterschiede. Den krisengeschüttelten Großstädten des Ruhrgebiets steht das in weiten Teilen prosperierende Ostwestfalen gegenüber. Es ist kein Zufall, dass die westfälischen Weltmarken wie Oetker, Miele, Claas oder Bertelsmann allesamt im östlichen Teil Westfalens zu Hause sind. Dass Westfalen trotz der vielen unterschiedlichen Landstriche eine eigene Identität hat, zeigt sich in vielen Lebensbereichen. Im Gegensatz zur katholischen Kirche, die in gleich drei Bistümern organisiert ist (Paderborn, Münster und Teile der Diözese Essen), bildet die evangelische Landeskirche von Westfalen mit Sitz in Bielefeld die religiöse Klammer für den Raum, der genau der alten preußischen Provinz Westfalen entspricht. Politisch repräsentiert der Landschaftsverband Westfalen-Lippe den östlichen NRW-Landesteil und hat dabei Lippe integriert, das ja erst nach dem Zweiten Weltkrieg zu Westfalen stieß, aber immer noch eine gewisse Selbstständigkeit behauptet. Gesamtwestfälische Identität spiegelt sich auch im Westfälischen Schützenbund oder im Westfälischen Fußball- und Leichtathletikverband wider. Borussia Dortmund und Schalke 04 sind sozusagen westfälische Identitätsmarken. Folgerichtig haben beide Teams Fans in ganz Westfalen. Viele Gegensätze in Westfalen haben sich inzwischen zu einem befruchtenden Miteinander entwickelt. Konfessionelle Unterschiede spielen nicht mehr die Rolle wie in der Vergangenheit. Jenseits von Katholizismus und Protestantismus ist in westfälischen Großstädten wie Dortmund oder Bielefeld eine multikulturelle, ja internationale Gesellschaft entstanden, die mit ihrer Weltoffenheit kaum Platz für ausländerfeindliche oder deutschtümelnde Beschränktheiten lässt. Und dennoch: In Ruhrgebiet, Münsterland, Siegerland, Sauerland, Ostwestfalen und inzwischen auch Lippe ist Westfalen immer noch sehr unterschiedlich - auch landschaftlich. Gerade diese Vielfalt macht Westfalens Stärke aus. "Flachlandtiroler" fühlen sich hier genauso wohl wie Mittelgebirgswanderer. Arbeitsplätze gibt es in der Schwerindustrie ebenso wie in modernen Dienstleistungsunternehmen. Vielleicht wurde gerade wegen dieses Gleichgewichts der Unterschiede der Versuch des Ruhrgebiets, sich politische Vorteile gegenüber dem restlichen Westfalen zu verschaffen, als empfindliche Störung empfunden. Das Gesetz, das dieses Gleichgewicht zugunsten des Ruhrgebiets verschieben sollte, ist allerdings inzwischen - zumindest vorläufig - wieder in der Schublade verschwunden. Dort sollte es auch bleiben.

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