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Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar Streiks bei Bahn und Lufthansa Zeit ist reif für eine Schlichtung Bernhard Hänel

Bielefeld (ots) - Erst streiken die Lokführer, dann die Piloten und dann wieder die Lokführer. Unverständnis, ja Zorn wachsen angesichts dieser abgestimmten Taktik. Manche Reisende fühlen sich schon in Geiselhaft genommen. Sind diese Streiks also unverhältnismäßig? Wie immer im Leben gilt es zu differenzieren. Selbstverständlich darf ein Berufspendler genervt reagieren, wenn er gezwungen ist, erheblich mehr Zeit aufzuwenden, um an seinen Arbeitsplatz zu gelangen. Einmal nimmt man das vielleicht sportlich, beim dritten Mal können die Nerven schon blankliegen. Dann vergisst man, dass die Lokführer ihren Arbeitgeber unter Druck setzen wollen und nicht die Reisenden. Streik wäre eine stumpfe Waffe, würde nur nachts die Arbeit niedergelegt. Die harte Gangart der Lokführer hat sich die Bahn auch selbst zuzuschreiben. Weniger die Lohnforderungen der Gewerkschaft der Lokomotivführer (GdL) sind für den bundeseigenen Konzern das Problem, sondern die Frage, wen die Gewerkschaft vertreten darf. Nur Lokführer oder das gesamte Personal in einem Zug? Im Machtkampf zwischen dem David GdL und dem Goliath Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) war die Bahn nie wirklich neutral. Ihr ist die zahme EVG deutlich lieber als die kämpferische GdL. Deren gewerkschaftliche Erfolge aber locken die nicht gerade privilegierten Schaffner und Speisewagenmitarbeiter in die GdL, die so aus der Nische einer Spartengewerkschaft herauskommt. Das ist ihr gutes Recht, das ihr auch durch ein Tarifeinheitsgesetz kaum zu nehmen sein dürfte. Die Koalitionsfreiheit ist ein hohes Gut, das nicht mit einem Federstrich von der Bundesregierung und ihrer noch so großen Koalition gestrichen werden kann. Da sei das Grundgesetz, das Bundesverfassungsgericht oder der Europäische Gerichtshof davor. Zu den privilegierten Arbeitnehmern zählen die Lokführer jedenfalls nicht. Im einstigen Traumberuf vieler Jungen steht die Entlohnung in keinem Verhältnis zur Verantwortung und Belastung. Vollkommen anders ist dagegen die Ausgangslage bei den Piloten. Lufthansa-Piloten gehören zu den bestbezahlten Angestellten Deutschlands. Auch im internationalen Vergleich kann sich ihre Entlohnung sehen lassen. Rechnet man die seit Jahren im Konflikt stehende komfortable Vorruhestandsregelung hinzu, verfügen Lufthansa-Piloten über einen sozialen Status, der beinahe konkurrenzlos ist. Auf ihren Arbeitgeber trifft dies aber nicht zu. Die Lufthansa steht in einem gnadenlosen Wettbewerb mit Billigfliegern sowie mit Carriern aus dem Nahen und Mittleren Osten. Die Folgen bekommt der Passagier tagtäglich zu spüren. Müsliriegel bei der Lufthansa, Drei-Gänge-Menue bei Turkish Airways, Etihad und Emirates. Schleckerfrauen und Karstadt-Mitarbeiter verzichteten auf Grund wirtschaftlicher Schwierigkeit ihrer Arbeitgeber sogar auf Lohn. Die Zeit ist reif für eine Schlichtung. Die Piloten haben damit keine schlechten Erfahrungen gemacht. Sie sollten sich daran erinnern. Auch im Tarifstreit der Bahn empfiehlt sich die Nutzung dieses bewährten Prinzips. Dumm nur, dass die Tarifparteien bislang keine Schlichtung vereinbart haben. Im Interesse der Bahnkunden sollten sie es freiwillig nutzen. Schnell würde sich herausstellen, dass eine Einigung möglich ist. Wenn nicht, gewännen jene die Oberhand, die Hand anlegen wollen an die Tarifautonomie.

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