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Neue Westfälische (Bielefeld): KOMMENTAR Halbzeit für Joachim Gauck Die Macht des offenen Wortes Alexandra Jacobson, Berlin

Bielefeld (ots) - Das Wichtigste an Joachim Gaucks Amtsführung liegt im Grundsätzlichen. Er hat es geschafft, dem höchsten Amt im Staat wieder Bedeutung und Würde zu geben. Gauck ist, um es volkstümlich auszusprechen, ein Staatsoberhaupt, mit dem sich dieses Land wieder sehen lassen kann. Es besteht die Chance, dass er im Gegensatz zu seinen beiden Vorgängern die Amtszeit durchhält. Schon bringen ihn manche für weitere fünf Jahre ins Gespräch. Als Gauck ins Schloss Bellevue einzog, war das Ansehen des Bundespräsidenten auf niedrigstes Niveau abgestürzt. Gauck hat es geschafft, das unglückliche Agieren von Christian Wulff und auch den vorzeitigen Abschied von Horst Köhler vergessen zu machen. Der 74-Jährige wird von der großen Mehrheit der Bürger akzeptiert und gemocht. Obwohl er sich entschlossen hat, den Menschen nicht nach dem Munde zu reden. Er vertritt Ansichten, die nicht unbedingt mehrheitsfähig sind. Gauck ist dafür, dass Deutschland außenpolitisch mehr Verantwortung in der Welt übernimmt. Dass auch militärisches Eingreifen angesichts von Menschenrechtsverletzungen manchmal unausweichlich ist, gehört zu seinen festen Überzeugungen. Gauck entwickelt seine Werte aus einem ganz bestimmten Erfahrungsschatz heraus - der ehemalige Pastor kommt aus der Bürgerrechtsbewegung in der DDR. Die Westbindung ist für ihn keine Worthülse, sondern Garantie für Freiheit. Gauck pflegt das offene Wort. Er nimmt gegenüber Putin ebenso wenig ein Blatt vor den Mund wie gegenüber dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan. Sieht er die Freiheit in Gefahr, spricht er Klartext. Natürlich hat auch Gauck seine Schwächen. Manchmal wirkt er zu eitel und selbstverliebt. Dass er wochenlang gezögert hat, bevor er das neue Diätengesetz für Bundestagsabgeordnete unterschrieb, war unnötig. Da hat er sich ein populistisches Muskelspiel geleistet. Doch die Befürchtung, dass er sich dauerhaft auf Kosten der Regierung oder auf Kosten von Merkel, die ihn nie wollte, profilieren würde, ist mittlerweile gegenstandslos. Gauck hat seinen eigenen Kopf, er ist authentisch, eigenständig. Auch nach zweieinhalb Jahren ist man noch gespannt auf seine nächste Wortmeldung. alexandra.

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