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Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar Krieg um Gaza Verhältnismäßigkeit gewinnt CARSTEN HEIL

Bielefeld (ots) - Man kann nur versuchen, sich vorzustellen, wie es im Gazastreifen dieser Tage zugeht. Wirklich nachzuvollziehen ist das Elend aus dem sicheren Deutschland heraus nicht. Das Gebiet des Küstenstreifens umfasst 360 Quadratkilometer. Zum Vergleich: Der Kreis Herford hat 450 Quadratkilometer Fläche. Im Herforder Kreisgebiet leben gut 250.000 Menschen; im Gaza-Streifen 1,8 Millionen, er ist einer der am dichtesten besiedelten Landstriche der Erde. Wer Bomben auf diesen Flecken wirft, muss zwangsläufig immer Menschen treffen. Menschen, die für den Konflikt mit Israel mitverantwortlich sind, aber auch völlig unschuldige: Männer, Frauen und Kinder. Es muss für die Bewohner die Hölle sein. Wo sollen sie hin? Wo Schutz finden vor den Bombenangriffen und Panzergranaten? Überall, wo sie hingehen, sind sie genauso in Gefahr wie dort, wo sie herkommen. Aber es ist auch richtig, dass fortwährend Raketen aus Bunkern, Tunneln und Häusern dieses Landstriches auf Menschen in Israel abgefeuert werden. Sie treffen ebenfalls unschuldige Menschen: Männer, Frauen und Kinder. Auf dieser Seite sind die Opfer nur deshalb nicht so hoch, weil die israelische Seite nicht so dicht besiedelt und die Feuerkraft der Hamas nicht so groß ist wie die der israelischen Armee. Die Hölle ist es gleichwohl auch für die Israelis, besonders für die rund 90.000 Soldaten und Reservisten im Einsatz und ihre Angehörigen. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass ein Staat das Recht hat, seine Bürger vor Angriffen zu schützen. Die Palästinenser im Gazastreifen haben 2006 mit der Hamas ihre politische Führung selbst gewählt. Diese international als Terrorgruppe bezeichnete Organisation stammt von den Muslimbrüdern ab, die seit Jahrzehnten eine radikale islamistische Politik verfolgen. Und Hamas hat sich im Kampf gegen Israel weiter radikalisiert. Niemand hat die Menschen in Gaza-Stadt, Khan Yunis, Rafah und Nuseirat damals gezwungen, die Hamas zu wählen. Jetzt nimmt diese Terrorgruppe ihre eigene Bevölkerung als Geisel. Deren Kämpfer verstecken sich unter der Zivilbevölkerung. Politisch und wirtschaftlich ist die Organisation selbst in der arabischen Welt weitgehend isoliert. Die frühere Schutzmacht Syrien ist dabei, sich selbst zu zerfleischen, außerdem stellte sich die Hamas zu Beginn des Bürgerkrieges gegen ihren langjährigen Förderer Assad, der nun aber wieder Oberwasser in Damaskus hat. Ägypten versucht seit dem Rückschwung nach dem politischen Frühling alles zu zerstören, was auch nur in der Nähe der Muslimbrüder ist. Zu erfolglosen Verhandlungen reicht Kairos Einsatz gerade noch, wie die am Freitag schnell gebrochene Waffenruhe zeigt. Lediglich auf Neuförderer Katar kann die Hamas-Führung etwas Hoffnung setzen. Die wird aber nicht reichen, den Krieg zu gewinnen. Rücksichtslos und ohne Aussicht auf Erfolg opfert die Hamas weiter das eigene Volk. Daraus folgt: Israel kann den Krieg militärisch nicht verlieren - aber politisch. Den Angriff auf die unter UN-Schutz stehende Schule in dieser Woche - und es war der Armee bekannt, dass dort über 3.000 Flüchtlinge Unterschlupf gefunden hatten - schadet der einzigen Demokratie im Nahen Osten mehr als alle Hamas-Raketen zusammen. Er birgt für Jerusalem erstens die Gefahr weiteren internationalen Imageverlustes bis hin zu weitgehender Isolation. Und zweitens: Niemand weiß, was käme, wenn Israel sein Ziel erreichte und die Hamas zerschlüge. Bisher kamen im Nahen Osten nach solchen Erfolgen immer nur noch radikalere Kräfte nach oben, unter Beteiligung der aktuellen Führungskader. Beides wäre für die Hamas ein Erfolg und kann nicht im Interesse Israels liegen. Kehrt Israel zur Politik der Verhältnismäßigkeit zurück, gewinnt der jüdische Staat.

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