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Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar Das Wehklagen der Bauern Trugschlüsse HUBERTUS GÄRTNER

Bielefeld (ots) - Viele Menschen können das "ewige Wehklagen" der Bauern über das Wetter nicht mehr hören. Sie halten es für völlig übertrieben und glauben, die Landwirte wollten nur davon ablenken, dass es ihnen allen in Wahrheit sehr gut gehe und sie hohe Profite einfahren. Das sind allerdings Trugschlüsse. Sie beruhen vor allem darauf, dass die meisten Wohlstandsbürger sich von der Landwirtschaft entfremdet haben. Sie machen sich nicht mehr die Hände schmutzig und wissen nicht, was auf den Feldern passiert. Auch das Wetter kann ihnen (fast) nichts mehr anhaben. Wenn sie arbeiten, dann sitzen sie zumeist in Büros. Und die sind in der Regel trocken. Die Landwirte dagegen bekommen die Vorboten des Klimawandels schon jetzt hautnah zu spüren. Wenn Starkregen oder Hagel auf ihre Felder prasselt, dann bedeutet das für sie unmittelbare finanzielle Einbußen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn die Bauern besonders oft zum Himmel schauen, sensibel auf das Wetter reagieren - und sich ständig Sorgen machen. Zweifelsohne sind einige von ihnen, aber längst nicht alle, gut betucht. Die Energiewende hat manchen Landwirt zum Millionär gemacht, wenn er über gute Standorte für Windkraftanlagen verfügte oder zum Beispiel rechtzeitig in Biogas- und riesige Mastanlagen investiert hat. Die meisten Großbetriebe, die Ackerbau und Viehzucht industriell betreiben, nagen finanziell nicht am Hungertuch. Die andere Seite der Medaille ist allerdings ein Strukturwandel, der sich auch als Niedergang der traditionellen bäuerlichen Kultur beschreiben lässt. Dieser Niedergang schreitet unaufhaltsam voran. So gab es in NRW im Jahr 1991 noch 60.912 landwirtschaftliche Betriebe. Seither hat sich ihre Zahl fast halbiert. Auch in Ostwestfalen-Lippe ging sie von 14.553 auf 7.477 zurück. Gleichzeitig stieg die pro Betrieb bewirtschaftete Fläche im Durchschnitt von 25,2 auf 42,7 Hektar. Das bedeutet, dass Hunderte kleine Bauern und solche im Nebenerwerb jedes Jahr aufgeben. Die allermeisten tun es notgedrungen, weil sich die Arbeit nicht mehr lohnt und ihr Lebensnerv getroffen ist. Hinter den Zahlen verbergen sich Schicksale. Wenn Bauern klagen, sollten wir also genau hinhören.

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