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Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar Entsetzen über Flugzeug-Abschuss in der Ukraine Gefährliche Eskalation Thomas Seim

Bielefeld (ots) - Noch 13 Tage - dann jährt sich der Eintritt Deutschlands in den 1. Weltkrieg zum 100. Mal. Man darf, man muss heute im Zusammenhang mit der gefährlichen Eskalation des Bürgerkriegs in der Ostukraine ganz ohne Panikmache daran erinnern, denn auch damals - in den letzten Tagen des Juli - rechnete niemand tatsächlich mit einem Kriegsausbruch. Und doch entwickelte er sich aus einem diplomatischen Desaster mit Drohungen, Gegendrohungen, Ultimaten und Gegenultimaten. Der Abschuss der malaysischen Maschine über der Ostukraine hat durchaus die Qualität zu einer vergleichbaren Verschärfung der Lage. Ukrainer und Russen stehen sich unversöhnlich und hasserfüllt gegenüber. Sie versuchen zugleich, die großen Machtblöcke für sich in Stellung zu bringen, und zwar in eine militärische Stellung. Es droht eine Konfrontation, die die Ausmaße des Kalten Krieges annehmen, mehr noch: in einen echten Krieg unter Beteiligung der alten Blockstrukturen führen kann. In Russland ist dazu die Entscheidung über die künftige Strategie zum Wiederaufstieg einer Weltmacht noch nicht gefallen. Man kann derzeit drei Linien erkennen, zwischen denen sich die Machthaber in Moskau bewegen. Eine Richtung der Außenpolitik zielt darauf, eine Art Schutzpatronat für russischstämmige Bürger überall auf der Welt zu übernehmen - also vermutlich auch in Teilen der Ostukraine. Eine weitaus gefährlichere oder aggressivere Haltung spiegelt sich in dem Gerede von Eurasia. Darunter versteht ein Teil der Führungsmannschaft offenbar eine zusammenhängende Organisation von Wladiwostok bis Portugal. Eine dritte Linie sieht die stabile Zukunft Russlands in der Reklamation und Zusammenführung alter traditionell (ur-) russischer Gebiete, zu denen man dann wohl auch die Krim und die Ostukraine zählen müsste. Welche Strategie auch immer der russische Präsident Wladimir Putin als seine eigene verfolgt: In jedem Fall scheint die Zeit zu Ende zu gehen, in der wegen der russischen Schwäche die Kooperationsbereitschaft Moskaus wuchs und die Machtpolitik zurückgestellt war. Die NATO, so scheint es, wird wieder zu einem Feindbild der russischen Armee, ein Feindbild übrigens, das auf die Entfremdung und den Bruch der Alliierten im Zweiten Weltkrieg ab etwa 1942 zurückgeht. Sollte also der Abschuss tatsächlich auf die russischen Separatisten oder ihren Verbündeten Russland zurückgehen, würde eine heftige Reaktion des Westens wahrscheinlich, die bis zur direkten militärischen Konfrontation der Blöcke reichen könnte. Allerdings macht auch die schnelle Erklärung aus Kiew, die Ukraine selbst trage keine Verantwortung für den Abschuss des Urlaubsfliegers, misstrauisch. Anders, als von Präsident Poroschenko behauptet, stellt der ukrainische Generalstaatsanwalt Jarem fest, die russischen Separatisten hätten keine geeigneten Raketen für einen solchen Abschuss. Russische Medien berichten inzwischen, die Maschine des russischen Präsidenten Putin sei zeitgleich mit der malaysischen Maschine in der Luft gewesen und das eigentliche Ziel des Angriffs. Unvergessen ist in diesem Zusammenhang die Entgleisung der früheren ukrainischen Präsidentin Timoschenko, sie sei bereit, Putin - sie nannte ihn "den Bastard" - in den Kopf zu schießen. Auch diese Behauptung russischer Medien allerdings ist ohne jeden Beleg und deshalb mit Vorsicht zu beurteilen. Die Wahrheit stirbt im Krieg zuerst. Das zeigt sich nun auch in der Ukraine. Im Kampf um die Deutungshoheit des Unglücks setzt jeder jedes Mittel ein. Das macht den Konflikt dort so brandgefährlich. Das gilt für die Ukraine, aber auch für ganz Europa und darüber hinaus auch für die USA. Man blickt um sich und sucht verzweifelt nach der Stimme, die die Eskalation der Gewalt begrenzen und die Rückkehr der Diplomatie organisieren kann. Ein Krieg jedenfalls führt in eine unkontrollierbare Katastrophe.

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