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Neue Westfälische (Bielefeld): KOMMENTAR Auftakt im Prozess gegen Hoeneß Staatsbürgerlich erbaulich BERNHARD HÄNEL

Bielefeld (ots) - Auch böse Taten können Gutes bewirken. Der Fall Uli Hoeneß beweist es. Seit sein Vergehen bekannt wurde, erreicht die Zahl der Selbstanzeigen schwindelerregende Höhen. Inzwischen steht zu befürchten, dass Finanzämter und Staatsanwaltschaften derart ausgelastet sind, dass die Überprüfung des Wahrheitsgehalts der Selbstbezichtigungen so viel Zeit in Anspruch nehmen kann, dass häufig Verjährung eintreten dürfte. Gleichwie, der Steuersünder Hoeneß hat für mehr Steuermoral in Deutschland gesorgt; mehr als die vereinten Kräfte von Politik und Justiz bislang erreichen konnten. Rechnet man noch den Effekt des unablässigen Ankaufs von Steuer-CDs hinzu, so ist die Republik auf einem guten Weg zu beinahe paradiesischen Zuständen - wären da nicht die unzähligen Schlupflöcher und Begünstigungen für Unternehmen und Begüterte. Warum, bitte schön, muss man auf Einkommen bis zu 50 Prozent abführen, auf Kapitalerträge aber nur 25 Prozent? Diese Debatte muss geführt werden. Noch so viele positive Effekte des Falles Hoeneß dürfen jedoch nicht bewirken, dass ihm ein Bonus gewährt wird. Darauf genau arbeitet der Angeklagte hin. Er räumt größere Schuld ein, als ihm die Ermittlungsbehörden bislang vorwarfen. Sein Anwalt wiederum scheint nicht einmal sicher zu sein, dass die 18,5 Millionen Euro die Endsumme sind. Es hat durchaus etwas staatsbürgerlich Erbauliches, wenn Männer oder Frauen großen Auftretens und starker Worte vor Gericht auf Normalgröße schrumpfen. Das belebt die Hoffnung, dass vielleicht doch vor Gericht alle gleich sein könnten. Das aber wäre nur der Fall, wenn Hoeneß' zweifellos vorhandene Großherzigkeit als Spender nicht verrechnet würde mit seiner Steuerhinterziehung. Nur dann könnte auch die Kassiererin, die verurteilt wurde, weil sie zwei gefundene Pfandbons im Wert von zusammen 1,30 Euro eingelöst hatte, den Glauben an den Rechtsstaat zurückgewinnen.

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