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Landeszeitung Lüneburg: "Eliten im Visier" - Interview mit dem Amerika-Experten Dr. Lars Brozus

Lüneburg (ots) - Vor gerade mal drei Wochen kürten die Republikaner Donald Trump zu ihrem Präsidentschaftskandidaten. Doch immer mehr gehen ihm von der Fahne. Zu sprunghaft und rücksichtslos agiert der Milliardär. "Seriös lassen sich seine Wahlchancen kaum einschätzen", sagt Dr. Lars Brozus, Amerika-Experte in der größten Denkfabrik Europas. "Aber selbst im Falle einer Niederlage drohen Nachahmer." Zu verlockend sei das Potenzial der eigentlich politisch Apathischen, die Trump in seiner Kampagne hinter sich vereint habe.

250 führende Republikaner qualifizieren Donald Trump als Sicherheitsrisiko ab. Die US-Wirtschaft warnt angesichts seiner Pläne vor einer Rezession. Konservative schäumen, weil er die Eltern eines im Irak gefallenen Offiziers beleidigt. Wieso kam Trump trotz dieses Sperrfeuers so weit?

Dr. Lars Brozus: Trump hat sich in den Vorwahlen durchgesetzt, obwohl er von Beginn an von führenden Republikanern mit Sperrfeuer belegt wurde. Die Kritik, die ihm während seines Aufstiegs entgegenschlug - wegen der Mauer, die er an der Grenze zu Mexiko hochziehen will, wegen der Verspottung von Behinderten und dem Verächtlichmachen von Migranten - trieb ihm eher noch mehr Wähler zu. Manche hatten erwartet, dass sich Trump nach seiner Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten im Ton mäßigt und inhaltlich in die Mitte rückt. Letzteres passiert sogar, wie seine jüngst geäußerten Wirtschaftsvorstellungen zeigen, die sehr viel Republikaner-Mainstream enthalten. Vielleicht bleibt sein Ton gerade deshalb so ruppig, weil er zeigen will, dass er trotzdem weiterhin der "alte" Trump ist. Zwar sinken derzeit seine Umfragewerte deutlich, doch abgeschrieben werden darf Trump noch nicht. Kritik bestätigt nämlich scheinbar seine Selbststilisierung als Außenseiter, der Amerika grundlegend umgestalten will und deshalb von den etablierten Kräften bekämpft wird. Allerdings reicht die Anhängerschaft, die Trump bisher rekrutieren konnte, nicht aus, um Präsident zu werden. Dazu müsste er andere Wählerschichten ansprechen, und zwar auch solche, die er bereits vor den Kopf gestoßen hat, wie etwa Frauen.

Ronald Reagan genießt bei den US-Republikanern eine geradezu mythische Verehrung. Was würde er davon halten, dass Donald Trump mit seinem XXL-Ego seine Partei gekapert hat?

Dr. Brozus: Es gibt durchaus Gemeinsamkeiten, aber auch Trennendes: Reagan als Schauspieler und Trump mit seiner TV-Erfahrung haben mehr darstellerisches Talent als ihre Rivalen. Allerdings war Reagan zum Zeitpunkt seiner Wahl als langjähriger Gouverneur von Kalifornien ein erfahrener Politiker, Trump übte noch nie ein öffentliches Amt aus. Zudem fremdelte er lange mit der Republikanischen Partei, näherte sich ihr erst spät an. Der größte Unterschied besteht darin, dass Trump ein negatives Bild einer USA im Verfall zeichnet, während Reagan die positive Vision eines "neuen Morgens" für Amerika verkörperte.

Ob Einwanderung oder Nahost - egal, wie komplex ein Problem ist: Donald Trump weiß immer eine einfache Antwort. Ist sein Erfolg das Ergebnis eines Jahre währenden Kulturkampfes, in dem kein Raum mehr war für Zwischentöne?

Dr. Brozus: Ich bezweifle, dass es jemals anders war, dass früher differenzierter gedacht oder argumentiert wurde. Ich fürchte, da wird einiges verklärt. Aber tatsächlich hat Trump viele Tabus gebrochen, Frauen, Medien und Minderheiten beleidigt. In der Vergangenheit brach solch verbale Kraftmeierei anderen Kandidaten früh das Genick. Dass Trump diesem Schicksal entging und im Vorwahlkampf mehr Stimmen auf sich vereinigen konnte, als dies jemals zuvor einem republikanischen Kandidaten gelang, zeigt, wie tief die Unzufriedenheit mit "politics as usual" diesmal ist.

Führt Trump eine spezifisch amerikanische Tradition von tabubrechenden Anti-Establishment-Kandidaten fort, die von Andrew Jackson über Barry Goldwater bis hin zu Ross Perot reicht?

Dr. Brozus: Mavericks, also Außenseiter, die gegen Konventionen verstoßen, gehörten schon immer zum US-Wahlkampf, meist jedoch als Verlierer. Goldwater ist ein interessanter Fall, weil er sich zwar als Person bei den Präsidentschaftswahlen von 1964 nicht durchgesetzt hat, dafür später aber viele seiner politischen Positionen bei den Republikanern. Man kann erwarten, dass Trumps Mobilisierungserfolge Nachfolger ermutigen werden, weil er gezeigt hat, welches Wählerpotenzial mit Parolen weit jenseits des Spektrums der Republikaner erreicht werden können. In gewisser Weise hat Trump in Bernie Sanders auf der Seite der Demokraten eine Entsprechung, der ebenfalls die soziale Ungleichheit in den USA anprangert. Diese könnte sich übrigens durch technologischen Wandel noch erheblich verstärken, denkt man etwa an automatisierte Selbstfahrsysteme, also selbstfahrende Autos und LKWs. Sobald diese Technik ausgereift ist, fallen schlagartig in der Speditionsindustrie Hunderttausende Arbeitsplätze weg.

Obwohl der radikale Staatsgegner Goldwater 1964 die Wahl verlor, bereitete er den Boden für die konservative Wende der Republikaner. Was bleibt von Trump, falls er die Wahl verliert: eine gespaltene Grand Old Party als leichte Beute für einen Demagogen?

Dr. Brozus: Das befürchten führende Parteifunktionäre derzeit. Deshalb versuchen sie, Trump auszubremsen. Aber ich habe Zweifel, ob es auf Dauer gelingt, Politiker, die ungebunden auf eigene Rechnung agieren, daran zu hindern, dieses Wählerpotenzial auszuschöpfen. Dafür wäre wahrscheinlich eine andere Politik nötig.

Inwieweit fügt sich Trumps durch keinen Fehltritt zu irritierende Anhängerschaft in die verschiedenen Protestbewegungen der westlichen Welt ein, die der Nation in einer beängstigend komplexen Welt wieder Vorrang geben wollen?

Dr. Brozus: Da gibt es deutliche Parallelen und Überschneidungen. Zunächst mal in der Art, wie diese Bewegungen auftreten. Sie reduzieren komplexe Sachverhalte auf einfache Schlagworte. Sie pflegen ein gemeinsames Feindbild: politische, ökonomische und kulturelle Eliten, die als Profiteure der Globalisierung wahrgenommen werden. Medien-Bashing ist Teil eines weiter gefassten Anti-Intellektualismus. Zuerst kam die "Lügen-Presse", nun ist vereinzelt schon von "Lügen-Wissenschaft" die Rede. Noch erscheinen die entwickelten Demokratien stabil genug, um die Belastung durch diese populistischen Bewegungen zu verkraften. Das setzt aber voraus, dass die Bedürfnisse und Wahrnehmungen dieser Wähler politisch stärker berücksichtigt werden.

Trump gibt denen eine Stimme, die sich vor der wachsenden Zahl von Latinos und schwarzer Kriminalität fürchten sowie den relativen Machtverlust der USA als persönlichen Bedeutungsverlust erleben. Kann die Angst der Abgehängten trotz gegenläufiger Umfragen Trump sogar ins Weiße Haus tragen, vielleicht, weil viele bei Umfragen flunkern?

Dr. Brozus: Tatsächlich scheuen sich manche Wähler, in Umfragen ihre Präferenz korrekt anzugeben. Sie fürchten soziale Stigmatisierung, wenn sie Extremisten unterstützen. Allerdings beziehen die Demoskopen diesen Effekt in ihre Prognosen ein. Trump muss den Spagat zwischen den sozial und kulturell konservativen Stammwählern der Republikaner und den "wütenden" Nichtwählern versuchen. Er macht das, indem er das Bild eines Niedergangs der USA zeichnet, für den die Regierungen Clinton, Bush und Obama verantwortlich seien. Er verspricht grundlegenden Wandel, durchaus mit Anleihen am "Change"-Wahlkampf von Barack Obama 2008.

Mehr Lasten würden den Europäern wohl auch von einer Präsidentin Clinton aufgebürdet werden, doch unter einem auf isolationistischem Kurs segelnden Trump wäre sogar die NATO in Gefahr, oder?

Dr. Brozus: Es ist ein Missverständnis, Trump als Isolationisten einzustufen. Er will die weltpolitische Führungsrolle der USA nicht aufgeben, jedoch anders interpretieren, indem er von den Verbündeten sehr viel mehr Beiträge etwa für die NATO einfordert. Zugleich hat Trump eine massive Aufrüstung und einen sehr viel erbarmungsloseren Kampf gegen den Terrorismus angekündigt, ohne Rücksicht auf das Völkerrecht. Seine Maßnahmen dürften nur sehr begrenzt Erfolg haben, wären aber geeignet, die Konflikte zwischen den Verbündeten zu verschärfen.

Obama gelang es nicht, die Zersplitterten Staaten von Amerika wieder zu versöhnen. Wird Trumps Brachialrhetorik auf Sarah-Palin-Niveau das Land weiter spalten?

Dr. Brozus: Das ist schon jetzt der Fall. Obama konnte die Kluft in der US-Gesellschaft nicht verkleinern, weil zur Versöhnung zwei gehören. Und die Republikaner haben wirklich alles getan, um die Polarisierung voranzutreiben. Nicht zuletzt, weil sie unter dem Druck ihres radikalen Flügels, der Tea Party, standen, die Trump in mancher Hinsicht vorwegnahm. Unter einem Präsidenten Trump ist die Wahrscheinlichkeit, dass die USA zusammenrücken, verschwindend gering.

Aber würde das Gift, das er versprüht, auch noch bei einer Niederlage weiterwirken? Kann es erneut zu offenen Feindseligkeiten kommen wie in den 60er-Jahren?

Dr. Brozus: Die USA haben eine Geschichte gewalttätiger innenpolitischer Auseinandersetzungen, wie die Riots der 60er-Jahre in den Großstädten zeigen. Schon jetzt stellen Beobachter jüngste Gewalttaten wie die Schüsse auf Polizisten in Dallas in diese Kontinuität. Das ist zwar nicht sicher auszuschließen, doch man darf die Stärke der US-Demokratie auch nicht unterschätzen. Demokratien sind im Regelfall stabiler als Autokratien, weil Konflikte über Interessengegensätze und unterschiedliche Weltanschauungen politisch und nicht gewaltförmig ausgetragen werden können. Gelingt es der Politik aber nicht, das Gemeinwohl im Auge zu behalten, besteht die Gefahr, dass Gesellschaften an Kipppunkte gelangen, an denen sie ihren offenen Charakter verlieren.

Das Interview führte

Joachim Zießler

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