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Landeszeitung Lüneburg: "Wenn das Wunschkind zur Ware wird" - Interview mit dem Medizin-Ethiker Dr. Alfred Simon

Lüneburg (ots) - "Gammy" machte vergangene Woche Schlagzeilen. Der Junge mit einem Down-Syndrom war von seinen australischen Eltern bei der Leihmutter in Thailand zurückgelassen worden. Sie hatten nur dessen gesunde Zwillingsschwester mitgenommen. Das Paar verteidigte sich, es sei von einem schnellen Sterben des Jungen ausgegangen. Die Empörung wurde angeheizt, als bekannt wurde, dass der Vater ein verurteilter Pädophiler ist. Stellen uns die wachsenden Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin vor neue moralische Probleme? Dr. Alfred Simon, Geschäftsführer der Göttinger Akademie für Ethik in der Medizin, warnt vor allem vor den Folgen der kommerziellen Leihmutterschaft: "Hier wird die Notlage von Frauen ausgenutzt."

Bestellt und nicht abgeholt: Weil ihr Sohn Trisomie 21 hat, ließ ein australisches Paar ihn bei der Leihmutter in Thailand zurück. Hinkt unser Rechtssystem den gewachsenen Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin hinterher?

Dr. Alfred Simon: Das sehe ich keinesfalls so. Tatsächlich besteht bei der Regelung von Leihmutterschaft in Deutschland aber noch erheblicher Diskussionsbedarf. Derzeit ist die Leihmutterschaft hierzulande verboten, gegen Geld allerdings auch in Australien. Ohne eine breite gesellschaftliche Debatte sollte diese Regelung in Deutschland aber nicht geändert werden.

Wie im Fall "Gammy" leben Leihmütter oft in der Dritten Welt, die Auftraggeber für Kinder in der Ersten. Teilt die teure Reproduktionsmedizin die Welt erneut, weil der Markt entscheidet?

Dr. Simon: In der Tat ist vor allem die kommerzielle Leihmutterschaft problematisch, die nur in wenigen Ländern zulässig ist, etwa in Indien und den USA. Sie führt mit Sicherheit dazu, dass auch in diesem Punkt die Welt in arm und reich geteilt wird.

Was bedeutet die künstliche Zeugung für die Ordnung der Familie, wie sie seit etwa 1800 als idealtypisch gilt?

Dr. Simon: Die Frage lässt sich nicht einfach beantworten. Leihmutterschaft selbst gibt es seit Jahrtausenden, denken Sie nur an die Geschichte in der Bibel von Sarah und Abraham, in der die Sklavin Hagar quasi als Leihmutter fungiert. Von daher hat die Leihmutterschaft als solche nicht das Potenzial, überkommenene Familienmodelle zu zerstören. Ethische Probleme sehe ich vor allem mit der kommerziellen Leihmutterschaft, die Probleme aufwirft, auf die die Gesellschaft derzeit noch nicht vorbereitet ist.

Lösen die neuen Möglichkeiten einer künstlichen Fortpflanzung statt Freiheit einen krampfhaften Zwang zur Fortpflanzung aus?

Dr. Simon: Diese Diskussion läuft, seit es die Fortpflanzung im Reagenzglas gibt. Sicherlich verlängern die neuen Möglichkeiten einerseits die Zweifel und den Krampf von Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch. Andererseits muss man fragen, ob man den Paaren, die ihren Elternwunsch auf diese Weise verwirklichen wollen, dieses verbieten kann. Letztlich kann man dieses Spannungsverhältnis nur im Einzelfall auflösen, indem man die betroffenen Paare gut berät und aufklärt. Mit Verboten allein löst man keine Probleme.

Wäre es nicht oft sinnvoller, der Natur das letzte Wort zu überlassen - etwa wenn bei einem Mann mit unzureichender Spermienqualität der Arzt einfach die "fitteste" Samenzelle für die Befruchtung unter dem Mikroskop aussucht? Die eigentlich vorgesehene Auslesefunktion kann so nicht stattfinden.

Dr. Simon: Die Natur ist in diesem Zusammenhang ein schlechtes Argument. Würden wir der Natur ihren Lauf lassen, würden wir auch an grippalen Infekten sterben. Viele Errungenschaften der Medizin hebeln die Wirkung der Natur aus, indem sie unsere natürlichen Defizite ausgleichen.

Aber kann es im konkreten Fall, wie dem Beispiel, nicht fatal enden, wenn das Paar dann ein krankes Kind bekommt?

Dr. Simon: Sicher kann das passieren, aber wollen Sie wegen dieser theoretischen Möglichkeit dem Paar ein Kind verbieten? Einen Qualitätscheck für potenzielle Eltern können Sie mit der gleichen Begründung auf für Paare fordern, die sich auf natürliche Weise fortpflanzen. Das wäre in jedem Fall in hohem Maße problematisch.

Theoretisch kann ein Kind fünf Eltern haben: Samenspender, Eizellenspenderin, Leihmutter, die Eltern mit denen es lebt. Wird sich das Konzept von Verwandtschaft radikal verändern?

Dr. Simon: Wir haben ja ohnehin schon erhebliche Veränderungen bei den Familienmodellen. Neben die klassische Familie mit Vater, Mutter, ein, zwei Kindern sind schon vielfältige andere Modelle getreten. So haben wir Patchworkfamilien, gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern und andere Familienformen. Sicherlich ändern die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin das Familienbild, aber die Frage ist offen, ob das notwendigerweise negativ sein muss. Ich selbst stehe der Leihmutterschaft extrem zurückhaltend gegenüber, aber man sollte sich angesichts der verzweifelten Hoffnung mancher Paare davor hüten, mit der Natur zu argumentieren, wenn man ihnen diesen Wunsch verwehren will. Das wahre Problem ist das Austragen eines fremden Kindes gegen Geld. Diese kommerzielle Variante führt dazu, dass Frauen in Notlagen, arme Frauen in der Dritten Welt ausgenutzt werden. Zudem fördert es eine Wahrnehmung des Kindes als Ware, wie auch im Fall "Gammy". Hier haben sich Eltern nicht auf ein entstehendes Kind eingelassen, denn das würde die Möglichkeit einschließen, dass es auch behindert zur Welt kommen kann. Hier wurde ein Kind bestellt mit der Erwartung, dass qualitativ hochwertige Ware geliefert wird.

Um das noch weiterzudrehen: Eltern haben schon "Ersatzteilbabys" für ihre kranken Erstgeborenen gezeugt. Im angelsächsischen Raum wird bei der Präimplantationsdiagnostik nicht nur nach Erbkrankheiten gefahndet, sondern auch der Elternwille nach dem Wunschgeschlecht berücksichtigt. Sind wir überfordert mit den neuen Möglichkeiten oder hinken wir mit der Moral nur hinterher?

Dr. Simon: Auch die "Rettergeschwister" muss man differenziert betrachten. Sofern die Eltern ohnehin den Wunsch nach einem weiteren Kind haben, ist es nicht verwerflich, dass man auf bestimmte Gewebemerkmale achtet, damit das Neugeborene über das Nabelschnurblut dem Geschwister helfen kann. Problematisch ist es, wenn das Kind nur zur Welt kommt, um ein anderes zu retten. Wenn dann die Nabelschnurblutspende nicht reicht, greift man auf andere Stammzellen zurück - ein Weg, der zum menschlichen Ersatzteillager führt. Es darf nicht sein, dass das zweite Kind instrumentalisiert wird.

Wie kann man da eine klare Grenze ziehen?

Dr. Simon: Das funktioniert nur auf mehreren Ebenen. Zum einen müssen wir auf gesellschaftlicher Ebene eine Diskussion führen, ob wir solche Technologien mit ihrem Nutzen, aber auch ihren Gefahren wollen. Aber selbst wenn man derartige Technologien zulässt, heißt das ja nicht, dass man sie automatisch anwendet. Hier ist die umfassende Beratung des konkreten Paares entscheidend. Den kritischen Umgang mit den neuen Möglichkeiten kann man nur über ein Höchstmaß an Information erreichen.

Hinken wir mit dieser Diskussion nicht gewaltig hinterher?

Dr. Simon: Das glaube ich nicht. Wir haben ein sehr strenges Gesetz, vieles, was in anderen Ländern erlaubt ist - wie Leihmutterschaft und Eizellenspende -, bleibt hier verboten. Anhand konkreter Fälle wie des Schicksals des Jungen "Gammy" muss diskutiert werden, ob wir mit unserem strengen Recht sogar fördern, dass Paare in die Dritte Welt ausweichen, um sich dort Leihmütter einzukaufen. Würde eine liberale Haltung hier Missstände verhindern oder wollen wir Leihmutterschaft per se nicht zulassen?

Dass Deutschland in der Reproduktionsmedizin ein restriktives Recht besitzt, liegt auch am eugenischen Höherzüchtungsprogramm der Nationalsozialisten. Ist die Furcht vor dem gezüchteten Retortenbaby aus den 80er-Jahren mittlerweile der Freude über die Chance aufs Wunschkind gewichen? Erleben wir eine Normalisierung?

Dr. Simon: Ja, die Länder, in denen die Präimplantationsdiagnostik erlaubt ist, sind nicht auf dem Weg, "Designer-Babys" zu erlauben. Die Debatte hat sich entideologisiert. Gleichwohl muss man nicht alles machen, was möglich ist.

Möglich ist, dass ein Kind zwei Mütter hat - etwa wenn Zellkern und Eizelle von zwei verschiedenen Frauen stammen. Wäre das ein Punkt, wo Sie eine Grenze ziehen würden?

Dr. Simon: Ich würde eher abwarten, ob 1. die Nachfrage nach dieser Möglichkeit überhaupt nennenswert groß wird, und 2. ob die Beziehungen des Kindes zu den beiden "Müttern" als problematisch einzustufen sind. Wir haben in diesen Bereichen wenig Erfahrungen. Würden einzelne Konstellationen der Leihmutterschaft liberalisiert, würde man Erfahrungen sammeln, auf deren Basis man eine Grenze ziehen kann.

Demnach wären Erfahrungen wichtiger als Vorab-Überlegungen des Ethikrates?

Dr. Simon: Nein. Selbstverständlich muss der Ethikrat in diesem konkreten Fall zur Leihmutterschaft vorab eine Linie vorgeben. Aber man sollte immer überprüfen, ob die Vorbehalte angesichts eigener Erfahrungen und denen anderer Länder noch haltbar sind. Dabei muss überprüft werden, wie die Auswirkungen auf die Familienstruktur und vor allem auf das Eltern-Kind-Verhältnis sind. Gibt es Hinweise darauf, dass Kinder, die auf diese Weise zur Welt gekommen sind, Nachteile haben? Möglicher-, aber nicht notwendigerweise kommt man dann irgendwann zu dem Schluss, dass ein so strenges Verbot der Leihmutterschaft nicht mehr sinnvoll ist. Vielleicht öffnen wir uns ein wenig zur altruistischen, also nicht kommerziellen Leihmutterschaft.

Gibt es Erfahrungen aus den USA mit der altruistischen Leihmutterschaft, in denen zum Beispiel die Oma als Leihmutter fungiert? Etwa über unscharf werdende Verwandtschaftsbeziehungen?

Dr. Simon: Es gibt Studien, die zeigen, dass weniger Spannungen bei der altruistischen Leihmutterschaft zu verzeichnen waren, wenn die Leihmutter nicht zu den leiblichen Verwandten zählte. Negative Auswirkungen für die Kinder oder für das Eltern-Kind-Verhältnis konnten nicht festgestellt werden.

Jede vierzigste Geburt ist in Deutschland auch Ergebnis von assistierter Empfängnis. Entkoppelt sich die Zeugung auf Dauer komplett vom Sex?

Dr. Simon: Ich hoffe nicht.

Das Interview führte

Joachim Zießler

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