Landeszeitung Lüneburg

Landeszeitung Lüneburg: Kultur der Gier aufbrechen
Ethiker Dr. Martin Booms plädiert für Verantwortungseliten statt Leistungseliten

Lüneburg (ots) - Die Haftstrafe für Uli Hoeneß wegen Steuerhinterziehung ist nach Ansicht der schleswig-holsteinischen Finanzministerin Monika Heinold (Grüne) ein kraftvolles Signal für die Steuermoral. Aber ist das Delikt des Bayern-Präsidenten ein Zeichen für Dekadenz der Eliten? Oder den Verfall der Werte? Ethiker Dr. Martin Booms glaubt das nicht: "An den Eliten wird nur eine allgemein laxe Moral sichtbar. Das darüber debattiert wird, ist ein gutes Zeichen."

Zumwinkel, Schwarzer, Hoeneß - erleben wir, wie die Eliten den Gemeinsinn über Bord kippen?

Dr. Martin Booms: Diese Analyse wäre mir zu kurz gegriffen. Natürlich bestimmen derzeit prominente Einzelfälle die Debatte. Aber man sollte jetzt nicht den Fehler machen, in eine plumpe Eliten-Schelte zu verfallen. Das wäre zu billig, denn in Wertefragen stinkt der Fisch in der Regel einmal nicht vom Kopf. In den sogenannten Eliten kommt zumeist nur sichtbar zum Vorschein, was als Wertehaltung tief in der Gesellschaft insgesamt verankert ist - so auch bei der Steuermoral. Eine breitere Wertedebatte ist daher notwendig. Nur mit dem Zeigefinder auf andere - nämlich "die da oben" - zu zeigen, ist jedenfalls arg bequem: Denn wenn es doch immer die anderen sind, brauche ich mir über mein eigenes Verhalten ja keine Gedanken zu machen.

Der Boulevard liebt es, den dreistesten Hartz-IV-Abzocker anzuprangern. Ist es angesichts der unterschiedlichen Dimensionen nicht doch so, dass die größten Sozialschmarotzer eher in Villen hinter hohen Mauern leben?

Dr. Booms: Jedenfalls ist Sozialbetrug keineswegs einseitig in der sogenannten "Unterschicht" beheimatet - und umgekehrt gibt es kein Privileg der sogenannten "Oberschicht" auf gesellschaftliche Anerkennung. Vielmehr sollten wir überhaupt einmal dieses Oben-Unten-Schema überdenken. Nach welchen Kategorien bemessen wir denn, wer oben oder unten steht? Was macht denn eine Elite zur Elite? Hier dürfen nicht nur äußere Leistung oder Erfolg zählen, sondern Verantwortung. Zur Verantwortungselite zählt dann, wer integer und verantwortungsvoll handelt: egal, ob er Hartz IV bezieht oder Millionenbeträge bewegt. Umgekehrt kann zur "Unterschicht" im moralischen Sinne nach einem solchen Schema auch gehören, wer aus bisheriger Sicht zur "Spitze" der Gesellschaft zählt.

Handelt der genauso verwerflich, der bei seiner Kilometerpauschale drei Kilometer dazumogelt?

Dr. Booms: Entscheidend für den "großen" wie den "kleinen" Steuerbetrug ist doch das Motiv: In beiden Fällen geht es darum, sich persönlich zu bereichern zulasten der Allgemeinheit. Aus ethischer Sicht besteht da kein Unterschied. Nur der Umfang ist beim viel zitierten "kleinen Mann" geringer, weil er einfach weniger Möglichkeiten hat. In der Summe verursachen allerdings die vermeintlich kleinen Steuerhinterziehungen ebenfalls einen enormen Schaden.

Also irrte Peer Steinbrück, als er sagte, die Eliten könnten ein System stürzen?

Dr. Booms: Tatsächlich ist mir diese Diagnose zu einseitig. Denn erstens ist es ja nicht so, dass wir in Deutschland durchgängig korrumpierte Eliten haben, auch wenn diese Auffassung sehr populär ist - die aktuellen Schlagzeilen betreffen konkrete Einzelfälle, nicht die gesamte Elite. Und zweitens wurzelt das Problem nicht in der Elite, sondern dort bekommen viel tiefer verankerte gesellschaftliche Wertehaltungen lediglich im Wortsinne ein Gesicht. Wenn Gier, Profitmaximierung und mangelnde Verantwortung überhaupt das Problem sind: Wo kommt das denn her? Wir haben eine Gesellschaft, in der man mit einer "Geiz-ist-geil"-Kampagne erfolgreich werben kann; im Sportbereich hat Jürgen Klopp die Gier zu einer positiven Tugend erhoben - das zeigt, dass die Gier allgemein anerkannt ist. Nach welchen Kriterien legen denn die ganz normalen Bürger ihre kleinen Ersparnisse an? Sie orientieren sich in der Regel danach, wo die maximale Rendite winkt - die Prokon-Pleite ist hier ein aufschlussreiches Beispiel. Das ist aber nichts anderes als blanke Profitmaximierung von unten. Wo soll auch ein anderes Denken herkommen? Wenn man sich die Ausrichtung des Bildungssystems in Schule und Hochschule anschaut, geht es immer mehr um nutzenorientierte Qualifizierung, Leistungssteigerung, Verdichtung etc. Da darf man sich doch nicht wundern, dass am Ende an der Spitze Menschen stehen, die genau eine solche einseitige Leistungskultur vertreten.

Also müssen wir die offenbar gültige Vorfahrt für Nutzenmaximierung aus der Bildung herauslösen?

Dr. Booms: Es gilt, wieder mehr Wertebewusstsein und ethische Orientierungskompetenz zu vermitteln. Diejenigen, die sich verantwortlich verhalten - nicht nur im Großen, sondern auch im alltäglichen sozialen Miteinander - verdienen gesellschaftliche Anerkennung. In den vergangenen Jahrzehnten ist das Pendel zu sehr in Richtung der Leistungseliten ausgeschlagen. Das muss man nicht komplett zurückdrehen, aber ergänzen und relativieren.

Hat der Leistungssport die Vorbildfunktion, die Politiker nun durch Hoeneß beschädigt sehen?

Dr. Booms: Der Leistungssport folgt einem Wertesystem, nach dem der Beste und Leistungsfähigste gewinnen soll, ohne Mitleid und Rücksicht für den Absteiger. Für den Bereich des Sports ist dieser Wertemaßstab in Ordnung, darin besteht sogar sein Reiz. Problematisch wird es aber, wenn er auf andere gesellschaftliche Bereiche übertragen wird. Menschliches Miteinander funktioniert nicht nach dem Prinzip des Leistungssports.

Ist der Staat mitverantwortlich für die sinkende Steuermoral, weil er den Fiskus nicht aufrüstet?

Dr. Booms: Wichtig ist sicherlich, dass die Leute das Gefühl haben, dass der Staat bei großen Einkommen und Unternehmen genauso genau hinschaut wie bei den normalen Bürgern. Auch die strafbefreiende Selbstanzeige muss auf den Prüfstand gestellt werden, obwohl sie - vom Ergebnis her - sehr ertragreich ist. Moralisch halte ich sie für fragwürdig, weil sie keine Steuerehrlichkeit fördert, also keine Gesinnungsänderung bewirkt, sondern lediglich taktisches Verhalten befördert. Viele Steuerhinterzieher, wie wohl auch Hoeneß, warten ab, ob das Risiko, entdeckt zu werden, irgendwann höher wird als der Profit - und ziehen dann den Joker der Selbstanzeige.

Hierzulande wird Griechenland gerne belächelt, weil es Athen nicht gelingt, die Bürger zum Gemeinwohl beitragen zu lassen. Wie weit ist es mit unserer gesellschaftlichen Solidarität?

Dr. Booms: Ich bin für Deutschland gar nicht so pessimistisch. Es gibt ja gelebte Solidarität: So steigt etwa das gemeinnützige Engagement seit Jahren stetig. Entscheidend ist, sich klar zu machen, dass eine gelebte Form von Gemeinsinn essentiell ist für jede Form von Gesellschaft. Wenn niemand mehr bereit ist, seine Eigeninteressen bis zu einem gewissen Grad zugunsten der Allgemeinheit zurückzustecken, geht eine Gesellschaft zugrunde. In Deutschland werden aber intensive moralische Debatten über diese Fragen geführt und offen ausgetragen - das ist ein gutes Zeichen.

Wenn wir alle kleine Sünder sind - entlastet dies den großen Sünder Hoeneß mit seinem 140-Millionen-Spielfonds?

Dr. Booms: Zum einen: Darauf hinzuweisen, dass moralische Fragen "unten" wurzeln, heißt ja nicht, dass nun alle Menschen Dreck am Stecken haben. Das wäre schrecklich, dann wäre ohnehin alles verloren. Es bedeutet nur, sich vor Doppelmoral zu hüten. Zum anderen: Es entlastet Hoeneß definitiv nicht. Er hat in einem riesigen Ausmaß Steuern hinterzogen und damit das Gemeinwohl geschädigt. Und diese Tat ist ihm auch voll zuzurechnen: Wem, wenn nicht einem gestandenen Manager und erfolgreichen Unternehmer muss man die volle Handlungsherrschaft über die eigenen finanziellen Aktivitäten zusprechen?

Hoeneß sieht sich selbst als Wohltäter, weil er dem alkoholkranken Gerd Müller oder dem Brandstifter Breno beistand. Hat er Bonuspunkte verdient?

Dr. Booms: Es ist ihm sicherlich hoch anzurechnen, was er für andere getan hat. Aber man kann diese Dinge nicht miteinander verrechnen. Die moralische Integrität betrifft immer die Person im Ganzen. Man kann sich nicht moralisch aufsplitten, indem man sagt, als Person des gesellschaftlichen Lebens tue ich Gutes und helfe Schwächeren, und dafür lasse ich als Privatperson bei der Steuer dann fünfe gerade sein.

Zeugt die Hoeneß-Debatte eher von einem Werteverfall oder im Gegenteil von wachsenden moralischen Ansprüchen?

Dr. Booms: Ich glaube, die Sensibilität für moralische Fragen wächst in der Gesellschaft. Das zeigt sich auch an den aktuellen Debatten, die ich begrüße. Allerdings nur, solange es dabei nicht zu einer persönlichen Hexenjagd kommt mit dem einzigen Ziel, jemanden an den Pranger zu stellen. Das hat niemand verdient, auch keine Frau Schwarzer oder ein Herr Hoeneß. Sehr wohl muss man aber diskutieren, ob die betreffenden Personen noch die Rolle im öffentlichen Leben weiter wahrnehmen dürfen, die sie bisher innehatten.

Darf Hoeneß seine Rolle noch weiterführen?

Dr. Booms: Eindeutig nein. Denn zum einen fehlt es ihm offenkundig an moralischen Maßstäben. Aber auch als Finanzmensch hat er sich als erschreckend orientierungslos erwiesen: Hoeneß scheint sowohl moralisch als auch finanziell die Kontrolle über sich verloren zu haben. Er taugt damit weder im einen noch im anderen Bereich länger als Vorbild.

Das Interview führte Joachim Zießler

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