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Landeszeitung Lüneburg: Einwanderer sind keine Rivalen -- Interview mit Niedersachsens Sozialministerin Aygül Özkan.

Lüneburg (ots) - Die Schweiz verbietet Minarette. In Schweden werden erstmals Rechtsradikale ins Parlament gewÌhlt. In den Niederlanden hÌngt die Regierung vom Wohlwollen des Islamhassers Geert Wilders ab. In Deutschland reduziert Thilo Sarrazin das Problem mangelnder Integration auf die Gene. Die hÌrter werdende Debatte Ïberdeckt die Erfolgsgeschichten der Integration -- etwa die erstmalige Ernennung einer Ministerin mit Migrationshintergrund: Sozialministerin AygÏl Úzkan: "Die deutsche Sprache ist der SchlÏssel." Hat der Sarrazin-Streit die Debatte um die Integration zurückgeworfen?

Aygül Özkan: In seiner Zuspitzung hat der Streit eher geschadet. Die Thesen sind ihrer Verallgemeinerung trennend, nicht verbindend. Andererseits freut es mich, dass die Diskussion jetzt auch inhaltlich weitergeführt wird.

Befürchten Sie durch die Wiederbelebung biologistischer Erklärungen für soziale Probleme verstärktes Schwarz-Weiß-Denken?

Özkan: Schwarz-Weiß-Denken ist die Folge diskreditierender Äußerungen. Damit sind Probleme einer Gesellschaft allerdings noch nie gelöst worden. Mir kommt vor allem der Respekt vor den Menschen viel zu kurz, die in der ersten Generation vor 50 Jahren zu uns gekommen sind und seitdem viel für dieses Land geleistet haben. Die unser Land mit aufgebaut haben. Wir sorgen jetzt dafür, dass die vierte und fünfte Generation daran anknüpfen kann.

Sind die von Jugendrichterin Kirsten Heisig beschriebenen Parallelwelten typisch für Neukölln oder Wilhelmsburg, aber ohne Bezug zum Flächenland Niedersachsen?

Özkan: Parallelwelten sind ein generelles Problem. Es geht um eine Schicht zu der nicht nur Türken oder Araber gehören, sondern auch Deutsche. Für diese Schicht müssen wir etwas tun. Auch in Niedersachsen. Lange sträubte sich die Union gegen die Einsicht, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist.

Sind sie der personifizierte Beleg dafür, dass ihre Partei in der Realität angekommen ist?

Özkan: Die Union hat früher als viele andere Parteien ernst gemacht mit konkreten Integrationsmaßnahmen wie zum Beispiel Integrationskursen und Integrationslotsen. Es führt doch nicht weiter, nur abstrakte programmatische Debatten zu führen. Auch meine Ernennung zur Ministerin ist ein Zeichen für eine neue Normalität in Deutschland und in der Union.

Welchen Effekt hätten türkischsprachige Gymnasien in Deutschland, wie sie der türkische Premier Erdogan fordert, für die Integration?

Özkan: Integration wird mit türkischsprachigen Schulen nicht gefördert, sondern behindert. Denn die deutsche Sprache ist und bleibt der Schlüssel zur Integration.

Sorgt eine verzerrte deutsche Sicht, die Islam mit islamistisch und Ehrenmorden gleichsetzt, für eine stärkere Abkapselung türkischer Jugendlicher?

Özkan: Grundsätzlich muss man bereit sein, sich auf den anderen einzulassen. Angst und Vorurteile trennen die Menschen, statt sie zu verbinden. Integration gelingt oder scheitert im Kleinen: im privaten Umfeld, im Verein, im Kindergarten, in der Schulklasse, in der Elternversammlung, in der Nachbarschaft. Und da sind wir alle gefordert. Wir alle müssen verstehen, dass in Deutschland geborene und zugewanderte Menschen nicht Rivalen sind, sondern Partner im Deutschland der Zukunft. Übrigens ist deshalb auch unser Kurs der Imamausbildung in Niedersachsen richtig und notwendig. Wir brauchen eine zielgerichtete Ausbildung der Imame vor Ort in Deutschland, damit diese einen stärkeren Beitrag zur Integration leisten. An der Universität Osnabrück wird dafür eine hervorragende Vorarbeit geleistet.

Wie kann dem Phänomen begegnet werden, dass Einwanderer der zweiten und dritten Generation oft schlechter integriert sind als ihre Eltern?

Özkan: Wer die deutsche Sprache lernt, hat eine Chance. Wer sie nicht lernt, hat keine Chance. Daher haben wir das letzte KiTa-Jahr für Kinder zur Pflicht gemacht, bei denen in der obligatorischen Sprachstandserhebung Förderungsbedarf festgestellt wird. Wir stellen aber in der Praxis fest, dass dieses eine Jahr Sprachförderung häufig nicht ausreicht. Deshalb müssen wir die Menschen davon überzeugen, ihre Kinder früher in die KiTa zu geben. Wir müssen den Eltern klar machen, dass es nichts Schlimmes oder Verwerfliches ist, sein Kind in eine KiTa oder den Kindergarten zu geben. Die Mutterrolle leidet darunter nicht. Über ihre Mitwirkungsrechte und -pflichten im Bereich der Schule informieren wir die Eltern mit Unterstützung der Selbstorganisationen der Migranten umfassend.

Kann man den Prozentsatz nicht integrationswilliger Zuwanderer quantifizieren?

Özkan: Verlässliche Zahlen habe ich noch nicht erhalten. Bundesinnenminister de Maiziere spricht von 10 bis 15 Prozent. Weit mehr als 75 Prozent aller Zuwanderer sind also integrationswillig.

Wie wollen Sie Ihre Forderung durchsetzen, Kinder mit Migrationshintergrund früher in KiTas zu schicken?

Özkan: Wir haben in Niedersachsen das letzte KiTa-Jahr kostenfrei gestellt, um diese Teilhabe zu ermöglichen. Ich setze auf Freiwilligkeit und Aufklärung. Die Eltern müssen selbst verstehen, dass sie über die KiTa am meisten für ihre Kinder erreichen können.

Fremdenfeindliche Parteien sind in vielen europäischen Ländern auf dem Vormarsch. Ist Sarrazin ein Indiz für eine Verschlechterung des Klimas auch hier?

Özkan: Das müssen sie Parteienforscher fragen. Man muss nicht immer jede Meinung teilen. Ich empfinde das Klima von politischen Debatten in Deutschland vor allem als demokratisch, vielseitig und spannend. Die Menschen in vielen anderen Staaten der Erde würden sich glücklich schätzen, wenn sie auch ein solches Klima hätten.

Das Interview führte Joachim Zießler

Mit freundlichen Grüßen

Dietlinde Terjung

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