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Mittelbayerische Zeitung: Alles andere als normal
Hillary Clinton war Donald Trump im TV-Duell klar überlegen. Über den Wahlausgang sagt das aber nichts.

Regensburg (ots) - Donald Trump hat seine beste Chance vertan, sich als plausibler Kandidat für das wichtigste Amt der Welt zu empfehlen. Während der ersten Präsidentschaftsdebatte an der Hofstra-Universität von New York bekräftigte er den Negativ-Eindruck, den viele Amerikaner schon vor der Debatte von ihm hatten. Vor dem größten Publikum, das es bei einer TV-Debatte bisher gab, benahm sich Trump nicht wie ein künftiger Präsident, sondern wie ein ungezogener Pennäler. Unbeherrscht redete er dazwischen, verzog das Gesicht und kartete nach. Je weiter die Debatte fortschritt, desto undisziplinierter wirkte der Kandidat. Die Antworten verloren sich in seinem wirren Gefasel, dessen Höhepunkt das düstere Insinuieren über "etwas" war, das er aus Rücksichtnahme lieber nicht sagte. Hillary Clinton gelang, woran die republikanische Konkurrenz bei den Debatten während der Vorwahlen gescheitert war. Sie dechiffrierte den Rechtspopulisten und führte ihn vor einem dreistelligen Millionenpublikum nach allen Regeln der Kunst vor. Dank intensiver Vorbereitung verstand sie es, die richtigen Knöpfe zu drücken, um Trump als unbeherrschten Charakter zu outen. Der Narzisst schaffte es einfach nicht, Dinge stehen oder an sich abperlen zu lassen. Clinton ging ihm sichtbar unter die Haut. Seine Unruhe entlud sich nicht nur in der Mimik, sondern auch im nervösen Griff zum Wasserglas. Mit seinem ständigen Schniefen signalisierte er, wie sehr ihn seine Gegnerin aus der Fassung brachte. Gewiss verpasste Clinton ein paar Gelegenheiten, Steilvorlagen zu nutzen, die Trump ihr geliefert hatte. Etwa als er mit Blick auf seine fragwürdige Steuerehrlichkeit suggerierte, dass es ein Ausweis seiner Klugheit sei, den Fiskus leer ausgehen zu lassen. An anderer Stelle lud er dazu ein, seinen widerlichen Zynismus als Gewinner der Finanzkrise von 2008 auszuschlachten. Aber darum ging es für die Demokratin an diesem Abend nicht. Und Inhalte von Debatten sind meist sehr schnell vergessen. Clinton musste vermeiden, in der Email-Affäre in Widersprüche verwickelt zu werden. Trump fand sich an der Hofstra-Universität so sehr in der Defensive, dass er vergaß, die Worte "Vertrauen" oder "Glaubwürdigkeit" auszusprechen. Unbestritten steht es nach der ersten von insgesamt drei Präsidentschafts-Debatten 1 zu 0 für Clinton. Doch die Wahlen im Sack hat sie noch lange nicht. Debatten werden gemessen an ihrem tatsächlichen Einfluss auf das Rennen um das Weiße Haus tendenziell überbewertet. Gewiss aber dürfte Trumps Desaster von New York seine Aufholjagd in den Umfragen beendet haben. Was immer er an Momentum hatte, wurde an diesem Abend jäh ausgebremst. In einem gewöhnlichen Wahljahr hätte sich der Rechtspopulist mit diesem Auftritt disqualifiziert. Doch bisher war nichts "normal" bei diesen Präsidentschaftswahlen. Andernfalls hätte sich bei den US-Konservativen erst gar nicht einer als Spitzenkandidat durchsetzen können, der gegen Muslime und Mexikaner hetzt, Frauen beleidigt und Wladimir Putin verehrt. Von Prognosen über den Ausgang der Wahlen am 8. November kann deshalb nur dringend abgeraten werden. Sechs Wochen sind in amerikanischen Wahlkämpfen eine halbe Ewigkeit. Darüber hinaus lässt sich schwer abschätzen, wie viele Amerikaner genauso wenig an ordentlichen Manieren, beherrschtem Auftreten und intellektueller Redlichkeit interessiert sind wie Trump. Dessen Erfolg bestand bisher darin, der personifizierte Mittelfinger der Wutbürger zu sein. Diesem Image wurde er beim Duell an der Hofstra-Universität voll gerecht.

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