Mittelbayerische Zeitung

Mittelbayerische Zeitung: Der Papst, der kein Wunder vollbrachte
Benedikts Bayernvisite konnte nicht die Koordinaten der Kirche verschieben. Es wäre auch zu viel verlangt.

Regensburg (ots) - Unmögliches wird sofort erledigt, Wunder dauern etwas länger, lautet ein Sprichwort, das all zu hochfliegende Erwartungen aufs Korn nimmt. Es passt gut zur Bilanz zehn Jahre nach dem Besuch von Papst Benedikt in Regensburg. Was sollte er nicht alles vollbringen: Die Menschen im Bistum missionieren. Die so genannten "lauen" Gläubigen fortan unverbrüchlich für die katholische Kirche entflammen. Spuren hinterlassen, die auch nach zehn Jahren tief sind. Oft schwingt in der Frage nach dem "was bleibt" ein versteckter Vorwurf mit, der unberechtigt ist. Benedikt hat kein Wunder vollbracht. Wie könnte er auch? Die Wahrheit ist: Die Neuevangelisierung der Hundert- oder wenigstens Zehntausenden ist ausgeblieben. Die Entfremdung der Kirche von den Menschen hat sich in den vergangenen zehn Jahren weiter fortgesetzt. Kirchen bleiben vielerorts leer. Die Zahl der Kirchenaustritte bewegt sich auf hohem Niveau. Wer anderes erwartet hatte, musste enttäuscht werden. Ein Glaubensereignis allein verschiebt nicht die Koordinaten der katholischen Kirche in Deutschland. Letztlich muss jeder Mensch für sich allein eine Antwort finden, wie weit er Glauben und Religion in sein Leben lässt. Hat Benedikt in Regensburg zumindest die Grenzen des tatsächlich Machbaren ausgelotet? Unbestritten ist, dass er sympathisch für seine Kirche geworben hat. In Erinnerung bleibt das Zusammengehörigkeitsgefühl, das die Stadt erfasste. Es ließ erahnen, was möglich ist, wenn viele Menschen "guten Willens" sind. Eingeprägt hat sich der Ausnahmezustand, der an vier Tagen das Leben prägte - inklusive gesperrter A3, die zum Busparkplatz umfunktioniert wurde. Alles auch ein wenig verrückt - aber auf die schöne Art. Bei mir, der Ungläubigen, blieben die Minuten haften, in denen Benedikt XVI. am 11. September in der Dämmerung mit dem Hubschrauber einschwebte, für mich verwoben mit einem Gefühl der Spannung darauf, was Regensburg bewegen wird. Jeder, der damals dabei war, könnte so eine Geschichte erzählen. Sie fügen sich gemeinsam zu einem unsichtbaren Puzzle. Was einen Platz in den Geschichtsbüchern bekommen hat und behalten wird, ist Benedikts Islam-Rede an der Uni Regensburg. Brisant auch heute, wo sich Terroristen den Islam zur Beute machen und missbrauchen. Der Vortrag sollte eine Einladung zum Dialog zwischen den Kulturen sein. Was eint die beiden Weltreligionen? Wie lautet der gemeinsame Wertekanon, der Menschen zusammenrücken lässt, statt sie zu spalten? Die Antworten sind damals ausgeblieben. Nicht allein, weil dafür mindestens ein mittelschweres Wunder nötig gewesen wäre. Das provozierende Zitat zum Verhältnis des Islams zur Gewalt, das Benedikt als Denkanstoß wählte, war zu schroff und blockierte ein Miteinander. Im Rückblick räumt er selbst ein, dass er die politischen Folgen unterschätzte. Richtig diagnostiziert hatte der Papst aber die Kernfrage einer bis heute ausstehenden Generaldebatte über das Christentum und den Islam. Sie würde bei allen Verletzbarkeiten und Empfindlichkeiten von beiden Seiten auch Härte verlangen. Stellvertretend geführt wird sie derzeit in Deutschland angesichts großer Flüchtlingsströme und einem Aufeinanderstoßen unterschiedlicher Kulturen von der Politik. Die Debatte bleibt dabei leider sehr im Kleinklein verhaftet. Sie kreist um Burkas und Burkinis, die in weiten Landstrichen Deutschlands noch keiner der jetzt hoch Besorgten jemals zu Gesicht bekam. Die CSU gebärdet sich als Wahrer der christlichen Werte. Traditionelle Konservative entflammen urplötzlich für die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Sie beackern ein Feld, das Kirchenführer preisgegeben haben. Sie könnten bessere, gemeinsame Antworten liefern. Was bringt das Christentum und der Islam im 21. Jahrhundert? Wo sind die Schwachstellen? Das ließe sich, für den Anfang, gerne in Sachen Gleichberechtigung von Mann und Frau durchdeklinieren. Genau betrachtet: Ein Wunder wäre gar nicht schlecht.

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