Mittelbayerische Zeitung

Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel von Martin Anton zu Arbeitsmarkt/Landzeitarbeitslose

Regensburg (ots) - Eine Million Menschen in Deutschland sind konstant als Langzeitarbeitslose gemeldet. Dahinter verbirgt sich eine heterogene Gruppe, deren Mitgliedern mit allgemeinen Lösungsansätzen nicht geholfen ist. Verschiedene Programme zeigen, dass es kaum hoffnungslose Fälle gibt. So haben diese Programme ihre Berechtigung. Langfristig brauchen Langzeitarbeitslose aber vor allem intensive Betreuung und Möglichkeiten zur Fortbildung. Denn auch Menschen, die fünf oder sechs Jahre ohne Job sind, können wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden. Doch ist es hier mit einem Gespräch, einer Bewerbung und einem Ein-Euro-Job als Wiedereingliederung halt nicht getan. Das aktuelle Programm von Frau Nahles sieht sogenannte Coaches vor, die sich auch dann noch um die von ihnen betreuten Menschen kümmern, wenn diese schon wieder sozialversicherungspflichtig arbeiten. Dafür ist eine Menge Personal nötig, das entsprechend gut ausgebildet sein muss. Das zeigen beispielsweise Zahlen aus Projekten, in denen Jobcenter gezielt Unternehmen einzuwerben versuchten, um Langzeitarbeitslose zu beschäftigen - mit staatlicher Förderung. Aus 100 sogenannten "Arbeitnehmerkontakten" ergaben sich zwölf Stellen. Das ist ein enormer Aufwand. Die Vermittlungshemmnisse, wie es im Agenturdeutsch heißt, sind vielfältig. Zunächst einmal haftet Menschen, die schon länger arbeitslos sind, ein Stigma an. Dazu kommen Hindernisse wie mangelnde Kinderbetreuung, Suchtkrankheiten, mangelnde Mobilität, aber auch das Fehlen von Deutschkenntnissen, Motivation und beruflicher Qualifikation. Gerade bei Letzterem, monieren die Gewerkschaften, sei in den vergangenen Jahren zu wenig getan worden. Bei der Qualifizierung werde gespart, es gebe keine Struktur in der Förderung und Weiterbildung von Hartz-IV-Beziehern. Stattdessen wird eine "Politik der Rotation" gefördert. Ziel ist dabei weniger, Langzeitarbeitslose nachhaltig zu integrieren, sondern sie möglichst schnell aus der Statistik zu bringen. Das heißt: Ein-Euro-Job, arbeitslos, Minijob, arbeitslos, Leiharbeit, arbeitslos, und so weiter. Dabei ist es in einer Zeit, in der berufliche Qualifikation sich immer mehr über Wissen definiert, zunehmend wichtig, dieses Wissen und den Umgang damit zu vermitteln. Das gilt insbesondere für diejenigen, denen die Grundvoraussetzungen, die bereits im Kindesalter gebildet werden, fehlen. Der Arbeitsmarkt 4.0, hieß es bei einer Veranstaltung des Instituts für Arbeitsmarktforschung in Nürnberg Ende Juni, macht es Langzeitarbeitslosen eher schwerer als leichter, sich zu integrieren. Die Polarisierung nimmt durch die Digitalisierung noch zu. Nun hat das Bundesministerium für Arbeit und Soziales bereits den mit Abstand größten Etat im Bundeshaushalt. Für den Bereich Grundsicherung stehen in der laufenden Legislaturperiode etwa acht Milliarden Euro zur Verfügung. Die Bereitschaft, künftig noch mehr Geld zu investieren, dürfte gering sein - zumal das nicht im Sinne der Hartz-IV-Reformen wäre. Doch mehr qualifiziertes Personal und Weiterbildungen kosten. Und am Ende kann die Langzeitarbeitslosigkeit wahrscheinlich nicht komplett abgeschafft werden. Politik und Gesellschaft müssen sich also überlegen, wie viel sie investieren wollen, um vermeintlich hoffnungslosen Fällen eine echte Chance zu geben - und wie sie im Zweifelsfall entscheiden, wer liegen gelassen wird.

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