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Mittelbayerische Zeitung: Kommentar von Claudia Bockholt zum internationalen Streit um eine Doktor-Schiwago-Inszenierung in Regensburg

Regensburg (ots) - Als Deutscher, dem von Geburt an ein unsichtbares Hitlerbärtchen anhaftet, reibt man sich die Augen. Was treibt Anton Lubchenko, derart gegen die Inszenierung seiner Oper vom Leder zu ziehen? Gesetzt den Fall, auf der Bühne wird tatsächlich Wodka getrunken - muss man da gleich eine antirussische Kampagne wittern? Wann empörten sich die Deutschen, wenn Hollywood sie als biertrinkende Nazis zeigte, wann die Italiener, wenn sie als Spaghetti spachtelnde Mafiosi vorgeführt wurden? Franzosen blockierten nicht tout de suite die Autoroute, wenn sie im Kinofilm als gitanerauchende Dauerquassler auftauchten. Ja, Klischees sind ärgerlich. Doch jede Nation muss damit leben, dass die Welt sich ein Bild macht. Die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen, hilft dabei enorm. Lubchenko sagt, Kultur könne Brücken bauen, seine Oper zwischen Russland und Europa vermitteln. Doch während auf dem ganzen Globus entsetzte Menschen Charlie sind und sich für die Freiheit der Kunst stark machen, scheinen immer mehr Russen in ein Paralleluniversum verschwinden zu wollen, in dem alles nur Stärke und Stolz und im Theater noch alles eitel Samt und Plüsch und Dornröschen-Zauber ist. Für europäische Bühnen führt in dieses Reich der Fantasie gottseidank kein Weg mehr.

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