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Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel zu Ferguson: Rauchende Polizeicolts in Amerika von Thomas Spang

Regensburg (ots) - Wer nur ein wenig die Entwicklung der fatalen Ereignisse in Ferguson verfolgt hat, dürfte von dem Spruch der "Grand Jury" kaum überrascht sein. Dass der weiße Polizist Darren Wilson jemals vor einem ordentlichen Gericht für den Tod des 18-jährigen Michael Brown zur Verantwortung gezogen werden würde, galt nicht nur wegen der Zusammensetzung der Geschworenen als äußerst unwahrscheinlich. Selbst wenn mehr Afro-Amerikaner in dieser Jury gesessen hätten, wäre den Rechtslaien nichts anderes übriggeblieben als sich bei ihrer Entscheidung an der bestehenden Gesetzeslage zu orientieren. Wie in den meisten Bundesstaaten der USA liegt die Latte für den Einsatz tödlicher Gewalt durch Sicherheitskräfte auch in Missouri denkbar niedrig. Für den Polizeiofficer Wilson reichte es, der Jury glaubhaft zu versichern, er habe sich in der Situation bedroht gefühlt. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob Brown objektiv wirklich eine Gefahr für den Polizisten darstellte oder nicht. Mit diesem Argument rechtfertigen Amerikas hochgerüstete Cops nicht nur in Ferguson ihr martialisches Auftreten. Vor allem in den Ghettos der Innenstädte und den armen Vororten, in denen Schwarze und Latinos leben, sitzen die Colts locker im Halfter der Sheriffs. Michael Brown war einer von vier unbewaffneten Schwarzen, die allein im August in den USA von der Polizei getötet wurden. Im Jahresdurchschnitt melden lokale Polizeibehörden dem FBI seit 2006 im Schnitt 96 schwarze Männer, die das gleiche Schicksal teilen. Die Dunkelziffer dürfte noch weit höher liegen, da keine nationale Meldepflicht besteht. Eine Gesellschaft, die sonst von Statistiken regelrecht besessen ist, macht sich nicht die Mühe, wenn es um mögliche Opfer von Polizeigewalt geht. Nur in den allerseltensten Fällen kommt es jemals zu einer Anklage. Der Freibrief für Darren Wilson ist damit nicht die schockierende Ausnahme, sondern der empörende Regelfall in den USA. Er steht für das Versagen oder besser gesagt Nicht-Vorhandensein der Zivilgesellschaft an Orten wie Ferguson. Wenn sich die Schutzbefohlenen vor ihren Ordnungshütern fürchten, ihnen nicht über den Weg trauen, funktioniert etwas nicht. Wie die Eskalation der Gewalt umgekehrt die gestörte Seelenlage offen zutage treten lässt. Der ungesühnte Tod des 18-jährigen Michael Brown gerät so zum Symbol für eine offene Wunde in der amerikanischen Gesellschaft, die auch Barack Obama nicht heilen konnte. Zu Recht mahnt der schwarze Mann im Weißen Haus, die Ruhe zu wahren und hält das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit hoch. Die Tragik des US-Präsidenten besteht darin, keine Mehrheit zu haben, die Gesetze ändern zu können, die Tragödien wie der von Ferguson zugrunde liegen. So bleibt Obama nicht viel mehr übrig als zu appellieren und zu hoffen, dass es nicht ausgerechnet während seiner Präsidentschaft zu den schwersten Rassenunruhen in den USA seit den 80er Jahren kommt. Nach dem Fanal von Ferguson stehen die Chancen dafür nicht schlecht.

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