Mittelbayerische Zeitung

Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel von Christine Straßer zum Ausbildungsmarkt

Regensburg (ots) - Die Situation ist verquer: Für das Ausbildungsjahr haben viele junge Menschen noch keine Stelle. Das zeigen die Zahlen der Arbeitsagentur. Zugleich suchen andererseits vor allem Handwerksbetriebe zum Teil händeringend Lehrlinge. Auf dem Ausbildungsmarkt bildet sich eine Zweiklassengesellschaft. Den paradoxen Negativtrend bestätigt der Berufsbildungsbericht 2014. Auf 169 Seiten werden die wichtigsten Daten zum Ausbildungsmarkt aufgeführt und Schwerpunkte für die Berufsbildungspolitik der nächsten Jahre festgelegt. Dem Bericht zufolge wurden 2013 530 700 Neuverträge mit Auszubildenden abgeschlossen. Das ist ein Rückgang von mehr als 20 000 Verträgen im Vergleich zum Vorjahr. Die Zahl der mit einem Ausbildungsplatz "unversorgten" jungen Menschen stieg um mehr als 5000 auf 21 000. Parallel blieben etwa 33 500 Lehrstellen unbesetzt. Das sind 40 Prozent der ausgeschriebenen Stellen. Jugendliche mit gutem Schulabschluss, vielleicht sogar mit Abitur, werden von Betrieben umworben. Die Besten und meist auch die Zweitbesten schlagen jedoch oft einen anderen Weg ein. Laut Berufsbildungsbericht haben sich 2013 zum ersten Mal mehr Schulabgänger für ein Studium als für eine Ausbildung entschieden. Am anderen Ende der Bildungsleiter sieht es ganz anders aus. Wer einen Hauptschulabschluss hat, tut sich oft schwer. Der Ruf der Schule und eines Stadtbezirks spielen eine Rolle. Wer ein schlechtes Zeugnis hat und in einem Problembezirk wohnt, fällt schnell durch das Raster. Hinzu kommt, dass so mancher Absolvent schlichtweg nicht ausbildungsreif ist. Die Verfasser des Berufsbildungsberichts sprechen von einem Matchingproblem. Der Ausbildungsmarkt steht vor gewaltigen Herausforderungen. Etliche Einzelmaßnahmen wurden bereits ergriffen. Handwerkskammern werben für eine Lehre als Bäcker oder Klempner. In den Industrie- und Handelskammern erklingt ein Loblied auf eine duale Ausbildung. Zu recht, schließlich werden wir im Ausland für diese qualitätvolle und praxisnahe Ausbildung beneidet. Die Arbeitsagentur versucht in Zweite-Chance-Projekten nachzusteuern und Schwächere fit für den Ausbildungsmarkt zu machen. Dennoch: All das konnte nicht verhindern, dass die Berufsausbildung an den Rand gedrängt wurde. Es gibt verschiedene Ansatzpunkte, um die Weichen bei der Ausbildung in Richtung Zukunft zu stellen. Die sich breit machende Studium-für-alle-Tendenz muss kritisch hinterfragt werden. Ausbildungsgänge müssen durchlässig und flexibel sein, damit Quereinstiege und Kursänderungen möglich sind. Aber das wichtigste ist, zuerst an die Schwächsten zu denken. Die Gesellschaft droht die Bildungsverlierer aus dem Blick zu verlieren. Davor wird bereits seit mehreren Jahren gewarnt, doch verbessert hat sich trotz allem noch immer wenig. Viele Firmen müssen inzwischen ausgleichen, was in Schule und Elternhaus versäumt wurde. Handwerksmeister geben ihren Auszubildenden Nachhilfe in Rechnen, Lesen und Schreiben. Dies ist lobenswert. Gleichzeitig ist das aber auch beschämend. Denn die Grundlagen sollten längst gelegt sein. Jungen und Mädchen, die eine Schulzeit voller Misserfolge hinter sich haben, können oder wollen sich nicht mehr motivieren und irgendwann ist es auch zu spät, sie von außen für etwas zu begeistern - schon gar nicht, wenn dieses etwas mit Anstrengungen, Geduld, Unannehmlichkeiten und Rückschlägen verbunden ist. Vorher muss angesetzt werden. Junge Menschen müssen nach der Schule ausbildungsreif sein, sonst haben sie gar keine Chance.

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