Mittelbayerische Zeitung

Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel von Isolde Stöcker-Gietl zum neuen Grundschullehrplan in Bayern

Regensburg (ots) - Der neue Lehrplan für die bayerischen Grundschulen kommt mit einem PLUS. Ein Plus steht für etwas Positives, für einen Mehrwert. Er soll Bayerns Schüler noch besser machen im nationalen und internationalen Bildungswettbewerb. Nach der letzten Lehrplanreform für Grundschulen im Jahr 2000, die von der damaligen Kultusministerin Monika Hohlmeier (CSU) noch vor dem PISA-Schock initiiert wurde, war die Zeit reif für Neuerungen. Darin herrschte Einigkeit zwischen Kultusministerium, Lehrern und Eltern. Nun liegt das über 300 Seiten starke Werk vor. Am Großen und Ganzen wurde wenig gedreht. Zurecht. In der Grundschule müssen die Kinder Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Dazu einen Grundstock an Allgemeinwissen bilden. Das ist das Ziel. Verändert hat sich die Philosphie, wie man dorthin kommen will. Mehr denn je wird mit dem neuen Lehrplan der Lernerfolg der Kinder vom Engagement der Lehrer abhängen. Der Erwerb von Kompetenzen scheint nun der Schlüssel im internationalen Wettstreit um die besten Köpfe zu sein. Das Kultusministerium umschreibt den Begriff übrigens so: "Die didaktische Leitidee ist der kompetenzorientierte Unterricht mit dem Ziel, die Verbindung von Wissen und Können in einer Vielfalt von variablen Anwendungssituationen herzustellen und die Schülerinnen und Schüler zu verantwortungsvollem Handeln zu befähigen." Wie sich das genau im Unterricht umsetzen lässt, dazu wurden Bayerns Grundschullehrer zwar in den vergangenen Monaten umfassend geschult, doch erst die Praxis wird zeigen, was machbar ist und was nicht. Der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV) hat auch sogleich den Finger in die Wunde gelegt. Gute Bildung brauche nicht nur gute Lehrer, sie brauche auch die nötigen personellen und finanziellen Ressourcen, mahnt die Lehrervereinigung an. Dabei sieht sich Bayern in der Bildungspolitik gerne als der Klassenprimus, als das Bundesland, das seine Bildungshausaufgaben gemacht hat. Fast elf Milliarden Euro beträgt in diesem Jahr der Bildungshaushalt. Pro Schüler werden rund 7100 Euro ausgegeben - im Bundesdurchschnitt sind es nur 6500 Euro. Die Archillesferse bleibt der Ausbau der Ganztagesbetreuung. Hier muss Bayern noch immer viel nachholen, wie die Bertelsmann-Stiftung 2013 in einer Analyse ein weiteres Mal festgestellt hat. Zu lange hatte man sich in CSU-Kreisen gegen das ganztägige Schulmodell gewehrt, das die damalige Bundesregierung unter Gerhard Schröder (SPD) als Konsequenz aus dem PISA-Schock mit einer milliardenschweren Förderung vorantrieb. Deshalb ist der Freistaat noch immer Schlusslicht beim Ausbau. Was sich aber wohl eher im Unmut der Eltern, die eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf wünschen, bemerkbar macht, als in den Schulnoten. Denn egal ob PISA, IGLU oder TIMSS: Bayerns Schüler sind mit an der Spitze. Damit das auch so bleibt, werden nun also die Lehrpläne sämtlicher Schularten Bayerns durchforstet und den 2004 von der Kultusministerkonferenz formulierten Bildungsstandards angepasst. Für das Kultusministerium hängt viel davon ab. Schließlich sollen schrittweise sämtliche weiterführende Schulen an den Grundschullehrplan PLUS andocken und den Kompetenzgedanken als Unterrichtsphilosophie weitertragen. Auf Erfolgsmeldungen aus den Grundschulen werden alle Beteiligten bis 2018 warten müssen. Erst mit dem ersten Übertrittsjahrgang, so heißt es in Lehrerkreisen, würden Verbesserungen tatsächlich messbar. Denn am Ende geht es wieder um Noten. Schaffen mehr Schüler die Vorgaben für das Gymnasium oder den Übertritt an eine Realschule? Verbessern sich die Chancen für Kinder mit Migrationshintergrund oder aus bildungsfernen Familien? Eltern werden die Leistung der Lehrer auch in Zukunft an den magischen Zahlen 2,33 und 2,66 ablesen. Der Kompetenzerwerb wird den Notendruck nicht verdrängen können. Die Eltern vertrauen darauf, dass die Lehrer den Schülern das Rüstzeug beibringen, das sie für einen guten Start an einer weiterführenden Schule brauchen. Wie man das dann im Lehrplan nennt, ist ihnen egal.

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