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Mittelbayerische Zeitung: Gelber Engel mit hässlicher Delle - Der aktuelle Skandal zeigt: Deutschlands größter Automobilclub hat dringend eine Generalreparatur nötig. Von Reinhard Zweigler

Regensburg (ots) - Der 100 Jahre alte Allgemeine Deutsche Automobil-Club, den jeder nur kurz ADAC nennt, ist in Deutschland nahezu eine moralische Instanz. Das Vertrauen in den Mitglieder-Giganten ist ungebrochen. Vor allem die "Gelben Engel", die Kraftfahrer aus Pannen retten, sind legendär, beliebt, geachtet. Doch dieses tolle Image gerät nun ins Wanken. Der glänzende Lack des ADAC hat eine hässliche Delle bekommen. Jetzt wurde bekannt, dass in der Spitze des honorigen Clubs offenbar geschönt, gefälscht, gelogen wurde. Bei seinem, bei den Autoherstellern sehr begehrten Autopreis "Gelber Engel" wurde kräftig manipuliert. Die Anzahl der Leser, die für ihr liebstes Auto gestimmt haben, wurde teilweise um das Zehnfache in die Höhe getrieben, etwa von knapp 3400 auf 34 000. Wurde der deutsche Bestseller Golf vom ADAC also an die Spitze der beliebtesten Fahrzeuge getrickst? Ein Skandal. Jede einzelne Stimme, die Leser des Club-eigenen, auflagenstarken Magazins "Motorwelt", abgaben, wurde dadurch entwertet. Und die Frage drängt sich auf, ob diese Umfrage, deren Ergebnis mit viel Tamtam vor ausgewählten Gästen verkündet wird, überhaupt noch zeitgemäß ist. Welches das beliebteste Auto in Deutschland ist, kann mit einem einzigen Blick in die Zulassungsstatistik ermittelt werden. Noch läuft die Überprüfung der Zahlen in München, doch der schwere Verdacht tut sich auf, dass auch bei vorangegangen Verleihungen manipuliert wurde. Der Beliebtheits-Preis selbst ist dadurch schwer ramponiert worden - und der ADAC ist blamiert. Dass der selbstherrliche Kommunikationschef Michael Ramstetten nun zurückgetreten ist, kann aber nur ein Anfang sein. Dies darf nicht die einzige Folge der Lügengeschichte bleiben. Wer im Präsidium des Autoclubs hat von den Zahlenmanipulationen gewusst? Seit wie vielen Jahren wird so gefälscht? Haben etwa Autokonzerne Einfluss auf die Wertungen ausgeübt? Mit dem Auffliegen der Fälschungen wird auch der Blick hinter die Fassade des ehrenwerten Automobilclubs frei. Der ADAC ist nämlich nicht nur ein verlässlicher Helfer bei Widrigkeiten des automobilen Lebens, sondern auch ein prosperierendes Unternehmen, das mit Versicherungen, als Reiseunternehmen und als Rennsportveranstalter ordentlich Kasse macht. Und er ist zugleich einer der einflussreichsten Auto-Lobbyisten in Deutschland. Allerdings kein sonderlich demokratisch aufgestellter. Mit Kritikern in den eigenen Reihen wird oft rüde umgegangen. Eine wirkliche politische Willensbildung findet, wenn überhaupt, hinter verschlossenen Türen statt. Mancher ADAC-Funktionär fühlt sich gewissermaßen als heimlicher Verkehrsminister. Während ADAC-Präsident Peter Meyer etwa gegen eine Pkw-Maut für Ausländer und für die Erhöhung der Mineralölsteuer trommelt, wird beides von einer Mehrheit der ADAC-Mitglieder anders gesehen. Die vielen Millionen Mitglieder des Clubs haben ein Anrecht auf stichhaltige Antworten der ADAC-Spitze. Ebenso die fleißigen ADAC-Mitarbeiter, von denen viele über vier Millionen Mal pro Jahr als "gelbe Engel" bei Pannen aus der Patsche helfen. Deutschlands größter Automobilclub hat dringend eine Generalreparatur nötig.

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